Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 6. (Dritte Folge, 1909)
Briefe des Feldzeugmeisters Paul Freiherrn Kray de Krajova et Topolya an seinen Bruder Alexander von Kray. Mitgeteilt und zu einer Lebensschilderung erweitert von Hauptmann Dr. Just - V. Abschnitt. Letzte Lebensjahre
306 Just. keit und Verdienst, die er in seinen Berichten an höhere Stellen stets zum Ausdruck brachte. Klar und richtig wie über andere war aber auch sein Urteil über die Grenzen, welche die Natur seinem Können gesteckt hatte. 1799 stand er auf dem Höhepunkt seines militärischen Ruhmes. Ganz Oberitalien pries ihn als „Befreier”, Suworow feierte ihn als „Held”, seine Feinde aber nannten ihn ,,le terrible Kray, le fils chóri de la victoire”. All diese enthusiastischen Lobeshymnen trübten aber nicht das eigene Urteil über das Maß seiner Fähigkeiten. Ihm bangte vor dem „Ikarusflug” als selbständiger Führer einer großen Armee. Eine Aufgabe in engerem Rahmen verstand er wie bald kein Zweiter zu lösen, Schwierigkeiten aber, die ein genialer Intellekt allein zu überbrücken vermag, fühlte er sich nicht gewachsen. Nur dem Wunsche seines kaiserlichen Kriegsherrn gehorchte er, als er 1800 das Kommando der deutschen Armee gegen Moreau übernahm. Ohne eine Niederlage erlitten zu haben, war er zum großen Teil der ungünstigen Stärkeverhältnisse wegen nicht im stände, den Sieg an Österreichs Fahnen zu knüpfen. Wie 66 Jahre später seinen Landsmann Benedek, der in kriegerischen Tugenden und Fähigkeiten lebhaft an Kray erinnert, die Größe der Verantwortung niederdrückte, so hat sie auch Kray von einer entschlossenen Offensive, die allein Chancen des Erfolges geboten hätte, abgehalten. Die Mitwelt hat den traurigen Ausgang des Feldzuges in der Hauptsache Kray zur Last gelegt. Den Zeitgenossen gleich sind auch die Epigonen nur zu sehr geneigt, den Erfolg als einzigen Maßstab der Größe eines Mannes anzulegen; damit sind aber auch dessen früher erworbenen Verdienste wie ausgelöscht, und klein erscheint, was einst groß und hehr dünkte. Des Historikers Pflicht aber bleibt es, am Bild eines großen Mannes die abgebröckelten Stellen und Risse zu ergänzen, Überpinslungen zu beseitigen, damit es in alter würdiger Schönheit wiedererstehe.