Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Dritte Folge, 1906)
Hauptmann Jacubenz: Die Besetzung von Krakau 1846
228 J a c u b e n z. feindlidien Angriff zu erwarten. Auch. von. einem Vorstoß, nach irgend welcher Sichtung hin, versprach sich der General keinen großen Erfolg und hielt schließlich die Festsetzung im Schlosse sowie dessen Behauptung, abgesehen von der unzureichenden Infanteriemunition und dem mangelnden Proviant, darum nicht für ratsam, weil er sich dadurch von Podgórze isoliert, demnach auch die Ausbreitung des Aufstandes nicht zu hindern vermocht hätte. In dieser Situation griff GM. Collin zu dem bei solchen Anlässen schon aus moralischen Gründen wohl selten zu empfehlenden, in dem vorhegenden Falle aber schwer zu rechtfertigenden Mittel: erbeschloß die Stadt zu räumen. Da sämtliche Truppen ohnehin unter "Waffen standen, wurde auch gleich abmarschiert. Die kleinen Habseligkeiten der Offiziere und Mannschaft blieben zurück, weil es nicht angezeigt schien, einzelne Leute zu deren Abholung austreten zu lassen. In ruhigem Kolonnenmarsch rückten die Truppen einschließlich der Krakauer Miliz um 6 Uhr abends durch die Hauptstraße über die AVeichselbrücke nach Podgórze. Hierauf wurde die aus Flößen bestehende Brücke durch Abhauen der Seile unbenützbar gemacht. Kaum hatten die Insurgenten in der Stadt den Abmarsch der Truppen wahrgenommen, als sie aus ihren Verstecken hervorbrachen und unter Schießen und Hurrageschrei sich der abgebrochenen Brücke näherten. Bald war von ihnen das linke AVeichselufer besetzt und sogleich ein lebhaftes Kleingewehrfeuer gegen das jenseitige Ufer begonnen, welches von den Truppen nur schwach erwidert wurde, um bei dem herrschenden Dunkel nicht zwecklos die ohnehin kargen Munitionsbestände zu verschwenden. Mit den Truppen zugleich hatten auch sämtliche Re- gierungsbeamten die Stadt verlassen. Die ruhigen Bürger, welche jetzt nicht ohne Grund Plünderungen und Exzesse befürchteten, forderten nunmehr den Grafen Josef AVod- zicki auf, die Regierung zu übernehmen. Dieser konstituierte jedoch nur ein unpolitisches „Sicherheitskomitee”, welches aber schon nach wenigen Stunden ein jähes Ende fand; in der Nacht waren nämlich im Rathaus drei Insurgenten in zahlreicher Begleitung erschienen, -welche