Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Dritte Folge, 1906)

Hauptmann Jacubenz: Die Besetzung von Krakau 1846

218 Jacubenz. Infolge fortgesetzter Wühlereien forderten die Schutz- mäclite des Freigebietes Krakau, Österreich, Kußland und Preußen, den Senat von Krakau wiederholt auf, die Emigranten auszuweisen und als diesem Begehren nicht Folge geleistet wurde, besetzten im Februar 1836 Truppen der Schutzmächte die Stadt. Diese Maßregel verursachte zwar, daß sich nunmehr der größte Teil der Emigranten in Frankreich und Belgien niederließ, doch erstickte sie keinesfalls den Revolutions­gedanken ; denn die Emigranten schmiedeten fortan von Paris und Brüssel aus ihre auf die Wiederherstellung des polnischen Reiches abzielenden Pläne. An Verbindungen mit den auf heimatlichem Boden Verbliebenen fehlte es nicht. Die drei benachbarten Regierungen waren bestrebt, einen festeren Anschluß ihrer polnischen Provinzen zu erreichen und sorgten zunächst für die Hebung der materiellen Prosperität ihrer neuen Untertanen. Da dem Adel bei seiner ausgesprochen feindseligen Gesinnung nicht jener Grad von Vertrauen geschenkt werden konnte, auf den er sonst vermöge seiner Stellung Anspruch gehabt hätte, ein Mittelstand aber in den von ihren Gutsherrschaften abhängigen Mediatstädten überhaupt fehlte, fiel alle Fürsorge der Regierungen naturgemäß auf den Bauernstand, dem die Schäden jahrhundertelanger Knechtschaft noch immer anhafteten. Das Landvolk kannte die frühere, unglückselige Herrschaft teils aus eigener Wahr­nehmung, teils durch ererbte Tradition, mußte sich daher bei der Rechtssicherheit, die ihm nunmehr die neuen Verhältnisse brachten, unbedingt zufriedener fühlen als zuvor. Die ländliche Bevölkerung war deshalb auch das einzig verläßliche Element der Regierungen. Auch in Galizien war durch allmähliche Entmündigung der Bauern und der kleinen Städte von der gutsherrlichen Gewalt diesfalls ein gewisser Fortschritt zu verzeichnen; nicht wenig trugen dazu die zahlreichen in die kaiserliche Armee eingereihten Landleute bei. Sie brachten aus den fremden Garnisonen einen weiteren Gesichtskreis, ein gesteigertes Selbstgefühl, dazu Anhänglichkeit an Kaiser und Reich in die Heimat zurück Momente, die speziell während des Aufstandes in Galizien 1846 deutlich zur Geltung kamen.

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