Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Dritte Folge, 1906)
Major Semek: Repressaliengefechte gegen die Montenegriner im Jahre 1838
Repressaliengefechte gegen die Montenegriner. 173 Die Stimme aller militärischen Befehlshaber und Organe rief nach Gewalt, als der optima und ultima ratio, aber die weisen Herren am Diplomatentische traktierten und versöhnten so lange, bis die Katastrophe unvermeidlich schien und nicht mehr durch den Todesmut der Truppen, sondern nur durch die Zaghaftigkeit des Vladika im entscheidenden Augenblick abgewendet werden konnte. Schon 1820 versuchte Österreich durch einen Kontrakt die Zession des von Montenegro usurpierten Gebietes von Lositza zu erreichen. Der Vladika erklärte sich einverstanden, doch als die Kommission zur Übergabe feierlich anrückte, wurde sie von den Bewohner verjagt. Die Verhandlungen zwischen Pastrovicchio und der Nahia. Czerniczka 1823 hatten den gleichen Verlauf und befriedigten nur die Diplomaten, denn die territorialen Eingriffe der Montenegriner liehen nicht nach und nahmen auch dann kein Ende, als 1835 mit dem neuen Vladika Peter II. schriftliche Verträge über die Grenzen beider Landstriche abgeschlossen wurden und die Glavars diese bestätigten. Trotzdem währten die Unterhandlungen fort, fort mit einem Volke, das aller Verträge spottete. Österreich suchte nun durch Vorlage der Originaldokumente früherer Grenzbestimmungen Montenegro von seinem guten Rechte zu überzeugen — das wilde Bergvolk, das nur der Zukunft lebte, durch Vorlage längst vergilbter Akten! Diesbezüglich war Oberst Caboga schon seit einer Reihe von Jahren bestrebt, das nötige Material zu sammeln. Ein mühevolles Beginnen! — Der Sturz Venedigs, Frankreichs Invasionen, die Einfälle der Montenegriner, hatten die bestandenen Archive größtenteils in Unordnung gebracht, die Dokumente nach allen Richtungen zerstreut. Vielfach waren dieselben in Privatbesitz übergegangen oder unter einer Masse von Akten in Kellern vergraben. Es gelang nur einige von entschiedenem Werte zu finden1). Dies waren bezüglich des Besitzes von Lositza: Ein Pergament mit der goldenen Bulle Stephans, des Kaisers von Serbien und Romanien aus dem Jahre 1351, mit welchem dieser den Edlen von Cattaro * ') H. H. u. St. A., Faszikel 9, Türkei-Grenzakte.