Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs - Supplement. Geschichte der K. und K. Wehrmacht 4. (1905)

Die Artillerie - Geschicht der Organisation und Entwicklung der k. und k. Feld-Artillerie 1618-1903 - I. Das Feld-Artillerie-Corps (Haupt-Corps) 1618-1772 - A. Organisation und Entwicklung

37 Gigler, welcher bis 1660 bei de Souches als Feld-Zeuglieutenant stand. Bei dem Abgänge Giglers wurde der dänische Artillerie-Obrist Scheffer als Obristlieutenant in kaiserliche Dienste übernommen und dem Corps de Souches als Artillerie-Commandant zugewiesen. Bezüglich der Veränderungen des Standes und der Commandoführung ist zu bemerken: In dieser Periode erscheinen die Ingenieure nicht mehr bei der Artil­lerie, sondern beim Generalstabe ausgewiesen, obwohl sie bei ersterer thätig sind und meist neben dem Ingenieurwesen auch das Artilleriewesen ver­standen. Der Begriff der Artillerie als einheitliches, eigenes Corps ist bereits durchgedrungen. Der Zusammenhang der Charge des Feldzeugmeisters mit der Artillerie ist fast ganz gelöst. Derselbe wird wohl noch als höchster Officier der Artillerie aufgefasst, hat aber mit dieser sonst keine Verbindung, als dass er deren Bedürfnisse und Anforderungen beim Feldherrn und Kaiser vertritt. Statt ihm wird nun als erster Commandant über die gesammte Artillerie aller Armeen ein Obrist bestimmt, von dem alle Artillerie-Personen depen- dieren, der im Commando eventuell durch einen Obristlieutenant vertreten wird. Es war nämlich nicht unbedingt nöthig, dass der Obrist, dem naturgemäss der Aufenthalt bei der Haupt-Armee zukam, stets bei dieser anwesend sei. So war Obrist Tensini lange Zeit nicht bei derselben. Die Hauptaufgabe des Obristen war eben nur, das Bedürfnis der Gesammt-Artillerie festzustellen, die Vertheilung zu überwachen und für die Erhaltung zu sorgen. Es waren also die ehemaligen Agenden des Feldzeugmeisters ganz auf ihn übergegangen. Die Beschaffung der Artillerie-Erfordernisse geschah wie in den voran­gegangenen Perioden. Vereinfachung und Vereinheitlichung des Geschütz- Materials, Vergrösserung der Wirkung waren die Tendenzen dieser Zeit. In letzterer Beziehung zeigte sich besonders Obrist Gigler thätig. Sein Bestreben gieng dahin, einerseits die Kraft des Pulvers, andererseits die Wirkung der Geschosse zu erhöhen. Es gibt ein Bild der Verhältnisse der damaligen Artillerie, auf einen von Gigler 1662 unternommenen Schiess-Versuch näher einzugehen. Es handelte sich um die Erprobung der Wirkungsfähigkeit der Granaten, sowie darum, in welcher Weise dieselben am besten zu gebrauchen seien. Hiezu wurden erst zwei Handgranaten aus Musketen geschossen. Diese erreichten eine Distanz von 400 und 450 Schritten; dann wurden zwei Handgranaten aus 12 Loth schiessenden Metall­stücken abgefeuert, von welchen die eine auf 400, die andere auf 700 Schritte gieng; weiters wurden 100 Handgranaten in ein Fass gelegt und aus der Erde geworfen ; dieselben erreichten eine Distanz von 500 bis 550 Schritten, bei einer Streuung von 50 bis 60 Schritten Durchmesser. Endlich wurde eine 160 Pfund schwere Granate aus der Erde geworfen. Diese erlangte eine Flugweite von 300 Schritt. Der Versuch veranschaulicht, indem er allseits befriedigte, mit welchen Distanzen die Artillerie jener Zeit rechnete, so wie er zeigt, dass der Verwendung der Granaten damals ein grösseres Augenmerk zugewendet wurde, wofür ja auch die geplante Errichtung einer Granatier-Compagnie spricht. Letztere, mit der Infanterie geworben, trat bald ganz zur Infanterie über. Bezüglich der Erzeugung der Munition sei bemerkt, dass dieselbe, nach wie vor, durch Private erfolgte und nur die Füllung durch Artillerie-Personen geschah. Im Felde aber wurden nur Handgranaten bei der Feld-Artillerie gefüllt und kleine Feuerwerksachen durch die Feuerwerker erzeugt, während grössere Geschosse, wie zum Beispiel schon solche für sechspfündige Mörser, in eigenen, ständigen Laboratorien verfertigt wurden. 1666—1700. 1. Organisation der Artillerie. Das Bestreben nach möglichster Ausnützung der Artillerie hatte schon im dreissigjübrigen Kriege dazu geführt, die schweren Caliber möglichst zu verdrängen und durch leichtere, beweglichere zu ersetzen. Damit war es aber

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