Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 8. (Neue Folge, 1894)
Oberlieutenant Criste: Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813
232 Criste. Stein rechnete mit idealen Verhältnissen und idealen Menschen, wie so manche Andere damals. Indem er ganz Deutschland sammt Preussen Oesterreich unterordnen wollte, rechnete er mit einer Selbstlosigkeit, die weder bei Preussen, noch bei andern grossem und kleinern Monarchien zu finden war; indem er sich ein einiges Deutschland unter österreichischer Führung dachte, rechnete er auch mit einer Opferfreudigkeit, die man hier nach den herben Erfahrungen, welche die Monarchen Oesterreichs als deutsche Kaiser gemacht, wohl schwerlich voraussetzen durfte. Verständniss für seine idealen Pläne fand er nicht einmal bei jenem Vertrauten, an den er die obigen Zeilen richtete, dem Grafen Münster. Dieser glaubte nicht einmal an den Idealismus Steins, sondern witterte, wie Häusser sagt, hinter den grossen Worten versteckte Tendenzen preussischer Hegemonie und verfolgte ganz andere Pläne. Er dachte an die Gründung eines wölfischen Reichs, das zwischen der Schelde und Elbe hergestellt werden, die Niederlande, Westphalen und die alten Besitzungen des Hauses umfassen sollte. Oberst Gneisenau aber, der damals in England lebte, machte den Vorschlag, England solle mit einem Landungsheere in Nord-Deutschland auftreten, Alles für sich selbst erobern, dem Lande die englische Verfassung geben und es dem britischen Reiche ein verleiben!2) Als Oberst Knesebeck, der am 9. Februar vom preussischen Könige zum Kaiser Alexander gesandt worden war, um über ein Bündniss zu unterhandeln, im russischen Hauptquartier eintraf, wurde er ziemlich kühl empfangen. Knesebeck forderte als Grundlage eines Bündnisses, dass Preussen nicht allein alle seine ehemaligen Provinzen in Ost-Preussen, sondern auch seine Besitzungen in Polen und im Herzogthume Warschau in dem Umfange von 1806 zurückerhalten solle. Darüber stellte man sich entrüstet, da derartige Forderungen nicht bewilligt werden könnten, bevor der gegen Napoleon unternommene gigantische Kampf vollständig beendet sei. Kein Sterblicher aber, sagt Martens, konnte bei Beginn des Jahres 1813 die spätere Entscheidung des Kampfes voraussehen und darum blieben die Forderungen des preussischen Ge!) Brief Minister's in den „Lebensbildern“ II. Abtli. pag. 221. Hänsser, D. G. IV. Bd. 2) Pertu, Das Leben Gneisenau’s. II. Bd. pag. 438 u. f.