Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 8. (Neue Folge, 1894)
Oberlieutenant Criste: Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813
(Juellen. Eine objective Darstellung der Befreiungskriege stellt noch aus. Von all’ den vielen Werken, die über diese grosse Zeit geschrieben worden sind, darf keines den Anspruch erheben, Objectivität erreicht, die meisten nicht einmal den, Objectivität angestrebt zu haben. Napoleon Bonaparte hat mehr als die andern wenigen, ihm ähnlichen Männer der Geschichte, es sich gefallen lassen müssen, von den Einen als Halbgott in den Himmel erhoben, von den Andern unter Verwünschungen in den Koth gezerrt zu werden. Und man hat auch heute noch nicht Ruhe genug, den genialen Mann und seine Thaten vorurtheilsfrei zu schildern, ohne beengende Rücksicht darauf, dass er diesem oder jenem Staat, dieser oder jener Nation mehr oder weniger wehe gethan; dass er diesem oder jenem Menschen, Monarchen, Staats- oder Privatmann zu ewigem Ruhme verholten, Schaden zugefügt, oder auch Vernichtung gebracht hat. Die Nation selbst, die er, der Eremde, mit eiserner Faust aus einem Trümmerhaufen emporgehoben; die, ihn an der Spitze, zwanzig Jahre lang von ganz Europa bewundert und gefürchtet wurde; die er mit einer Gloriole umgeben, welche an jene der Helden und Eroberer der Sage gemahnt; diese Nation selbst beurtheilt ihn, aus demselben Grunde, nicht objectiv. Wenn eine unparteiische Darstellung der Geschichte seiner Zeit, die ja er allein souverän beherrschte, kaum möglich erscheint, so ist es noch weniger eine Darstellung jenes Zeitabschnittes, in welchem der Gigant gestürzt wurde. Nach seinem Sturze reclamierte ein Jeder triumphierend den Hauptantheil des Erfolges für sich — und dies ist denn auch die leitende Idee eines jeden Buches, das von preus- sischer oder russischer Seite über die Befreiungskriege geschrieben worden ist. In den älteren Darstellungen wird die Sucht, den Antheil der Mitkämpfer möglichst zu verkleinern, damit die eigenen Verdienste um so glänzender hervortreten, noch zurückgedrängt von der jubelnden Freude an dem Gelingen des gefahrvollen Unternehmens; je weiter aber die Zeit vorrückte, desto schärfer trat diese Sucht hervor und bei den jüngeren und desshalb „objectiveren“ Historikern kann man dann auch recht deutlich, oder zwischen den Zeilen versteckt, aber nicht minder klar lesen: Dass Oesterreich, dasselbe Oesterreich, welches man damals, vor und nach dem kläglichen Ausgange des Friilijalirs-Feldzugs von 1813 flehentlich und verzweiflungsvoll um Hilfe gebeten hatte, eigentlich gar nicht nothwendig war in der Allianz; dass es den Siegeslauf der Russen und Preussen nur gehindert habe! Der überaus lehrreiche Frühjahrs-Feldzug existiert einfach nicht für diese Historiker; wenn sie ihn aber berücksichtigen, so geschieht es nur um nachzuweisen, dass auch an jenen Niederlagen — Oesterreich schuld war! Man ignoriert