Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 1. (Neue Folge, 1887)

Erinnerungen aus dem Leben des FM. Grafen Radetzky. Eine Selbstbiographie

Erinnerungen aus dem Leben des FM. Grafen Radetzky. 71 meinem Bureau im Kriegsgebäude, als eines schönen Morgens Clam mich zum Fürsten Schwarzenberg berief und mir mittheilte, es habe mich dieser zum Chef des Generalstabes gewählt. Der Fürst war Gesandter in Paris gewesen und auf Verwendung Napoleon’s Feldmarschall geworden. Da er als Oberst ein gutes Benőmmé gehabt hatte, so glaubte man, er müsse auch ein grosser Feldherr sein. Ich hatte den Fürsten früher gar nicht gekannt und er hatte mich auf Anempfehlung des Fürsten Liechtenstein gewählt. Ich war unbekannt mit den Verhältnissen seines Hauses, mit seinen Gewohnheiten und Fähigkeiten und fand mich gleich Anfangs, da mir das Treiben und Wirken der sogenannten grossen Welt, deren Triebfedern einige Damen waren, unbekannt war, unbehaglich. Kaum beim Fürsten angelangt, beauftragte er mich sogleich, eine preussische Depesche, in welcher sich Blücher anfragte, was er für eine Stellung zu nehmen habe, zu beantworten.« *) Ich erhielt vom Fürsten den Auftrag, dahin zu arbeiten, dass mittlerweile die Armee wiederhergestellt werde. Ich wendete mich deshalb mehrmals an den Kriegs-Präsidenten, FM. Grafen Belle­garde. Ich sollte einen Operationsplan entwerfen. Ich schlug vor, die zwei Auxiliar-Corps zu vereinen, mit solchen sechzigtausend Mann gerade auf München zu marschiren, den König von Bayern von Napoleon abzuschneiden und ihn zu zwingen, sich mit Oester­reich zu verbinden. Auf jeden Fall sollte der König daran gehin­dert werden, sein auf Nichts herabgekommenes Contingent wieder zu completiren und sich dann damit bei Leipzig als Noyau für eine neue Armee aufzustellen. Graf Bellegarde und Duka fanden diesen Vorschlag excentrisch und bestimmten: a) Das Auxiliar-Corps solle nach Böhmen marschiren, wo die Armee zu formiren sei; b) Das Corps des Fürsten Beüss in Galizien solle getheilt werden; die eine Hälfte unter Beüss solle sich in Ober-Oesterreich, c) die andere Hälfte unter Hiller bei Villach in Kärnten formiren; a solle aus einhundertzwanzigtausend Mann, b und c jedes aus sechzigtausend Mann bestehen.«* 2) *) Graf Thun, Erzählungen und Dictate des Feldmarschalls. 2) Original-Aufzeichnungen des Feldmarschalls.

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