Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 1. (Neue Folge, 1887)

Erinnerungen aus dem Leben des FM. Grafen Radetzky. Eine Selbstbiographie

48 Erinnerungen aus dem Leben des FM. Grafen Radetzky. Coinmandanten von Cuneo ins diesseitige Hauptquartier kam. Er zeigte an, dass er schriftliche Ordre des nahen Entsatzes bringe, da am 4. Masséna mit verstärkten, neuen Truppen hei Cuneo ein- treffen wolle. Es befand sich im Hauptquartier der Hauptmann Engelbert vom General-Quartiermeister-Stabe, der eine ähnliche Schrift mit jener der Ordre hatte. Dieser übergab dem Vertrauten eine ent­gegengesetzte Ordre und versprach ihm für den Fall des Abzuges der Garnison aus Cuneo eine lebenslängliche Versorgung. Der Vertraute benützte eine Stunde, als von unserer Seite das Feuer ruhte und schlich sich als Citronen-Verkäufer in die Festung. Noch in der Nacht traf ein Parlamentär aus der Festung ein, der den Wunsch zu capituliren aussprach. Die Capitulation kam am 3. December 1799 zu Stande und die Garnison von drei­tausend Mann unter General Clément wurde kriegsgefangen. In der Festung fand man hundertfünfundachtzig Geschütze. Gleichzeitig mittheilte. Von nun an blieb er mein Spion und es geschah kein Unternehmen zum Entsätze der Festung, kein Ausfall aus derselben, ohne dass ich früher davon avisirt worden wäre. Dieser Mann war Capitain und commandirt in der Kanzlei des General en chef. Am Ende des Feldzuges kam er zur Besatzung von Cuneo. Wir waren damals mit Allem so par terre, dass z. B. die Artilleristen der Feldgeschütze zugleich die Belagerungs-Geschütze bedienen mussten. Jede Bewegung des Gegners musste daher der Belagerung ein Ende machen. Da kam mein Spion mit einer Depesche des Generals (Masséna), der Cuneo entsetzen sollte, an den Coinmandanten der Festung, welche Depesche die Aufforderung enthielt, sich nur noch wenige Tage zu halten. Wir waren verloren. Zum Glücke war in der Kanzlei des Generals Zach ein Officier, der alle möglichen Handschriften nach­machen konnte. Dieser schrieb einen Befehl an den Coinmandanten der Festung, der ihn im entgegengesetzten Sinne zur Beschleunigung der Uebergabe aufforderte. Nachmittags erschienen bereits Parlamentärs wegen des Abschlusses einer Capi­tulation, welche gegen Streckung der Waffen bewilligt wurde. Als die Be­satzung die Waffen niederlegte, hörte man bereits den Donner der Geschütze der anrückenden Entsatz-Armee. Der Spion war dadurch so compromittirt, dass er zu uns kam und bat, man möge ihn versorgen, denn er könne nicht mehr zurückkehren. Zach war ganz verliebt in ihn, schenkte ihm sein ganzes Vertrauen, nahm ihn mit sich nach Wien, aber man beging den grossen Fehler, ihm nur 200 fl. Pension zu geben. Ein Spion bleibt immer ein Lump, und wenn man ihn gebraucht hat, so muss man ihn entweder unschädlich machen, d. h. hängen, oder sehr gut versorgen. Bei der Schlacht von Marengo verrieth er uns und be­wog Zach zu der Diversion in unserer linken Flanke, wodurch ein grosser Theil der Truppen dem Kampfe entzogen und wir geschlagen wurden. (Graf Thun, Erzählungen und Dictate des Feldmarschalls.)

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