Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld

96 Über den Gebirgskrieg. nächsten Unterstützungen herbeieilen können, — wie seine Vorwachten und deren Unterstützungen aufgestellt, ob sie wachsam oder nach­lässig und sorglos sind,— ob und wie weit seine Patrullen und Streif- commanden gewöhnlich gegen die diesseitige Gegend gehen, wie und zu welcher Zeit die Ablösungen stattfinden, ob die gemeine Mann­schaft zufrieden ist und ob kein Mangel an den nöthigen Bedürf­nissen herrscht, wie die gegen den Feind führenden Wege und vor­handenen Brücken beschaffen sind und endlich der Charakter und die Eigenschaften des feindlichen Commandanten. Nach all’ diesen Betrachtungen besteht der Sinn und die Theorie der Offensive oder des Angriffes im Allgemeinen darin, seine Kräfte derart zweckmässig zu verwenden, dass es dem Feinde, trotz seinen Vortheilen unmöglich wird, zu widerstehen und seine Stellung zu behaupten. Nun wird die Art des Angriffes überlegt. Man sucht Alles auf und benützt Alles, was nur immer eine Wahrscheinlichkeit des Erfolges versprechen kann, — man verwerthet jeden Vortheil des Terrains und verwendet die dem Letzteren ange­messenen Truppengattungen, — man benützt geschickt jede Nachlässig­keit und jeden Fehler seines Gegners, — man stellt seinen schwächeren Kräften weit stärkere entgegen, — man weicht der feindlichen Über­macht aus und man trachtet, um seine wahren Absichten zu ver­bergen und, um den Feind irre zu führen und seine Aufmerksamkeit auf einen anderen Punkt zu lenken, demselben Besorgnisse für Objecte zu verursachen, für welche er eigentlich gar nichts zu befürchten hat. Durch diese Raisonnements entstanden die verschiedenen Arten von Angriffen, die Formirung verschiedener Colonnen, der wahre und Schein-Angriff, die Tournirung auf kleinere und grössere Distanzen, Überfälle, Überrumplungen, endlich der förmliche allgemeine Angriff. Die Angriffsart und die mehr oder weniger zweckmässige Ver­wendung seiner Kräfte gegen jene des Feindes lässt einen besseren oder schlechteren Erfolg der Unternehmung erwarten und macht den erfochtenen Sieg mehr oder weniger glänzend. Je einfacher die Art des Angriffes, desto sicherer wird die Aus­führung desselben; denn die Vorbereitungen hiezu bleiben dem Feinde eher verborgen, die Kräfte werden mehr zusammengehalten und der Vorstoss wird daher mit mehr Kraft ausgeführt; nur gehört hiezu ein scharfes militärisches Auge, welches den richtigen Angriffspunkt glücklich zu wählen weiss. Der Angriff wird auch mit umso grösserer Wahrscheinlichkeit des Erfolges ausgeführt, je ausgedehnter die feindliche Stellung ist.

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