Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld

Über den Gebirgskrieg. 89 den Truppenmassen von den höchsten Höhen auf fast unwegsamen Fusssteigen und durch die rauhesten und beschwerlichsten Schluchten und Gebirgsrisse in das Hauptthal hinunter, bedrohte durch Umgehungen den Rücken der Stellung, ja nahm und besetzte hier selbst Defiléen und Pässe, während er die Front der Stellung durch öftere lebhafte Scheinangriffe beschäftigte und beängstigte. Durch diese oftmaligen glücklichen Erfolge der Franzosen in dem Kriege wurde eine neue Art und Weise, den Gebirgskrieg zu führen, festgesetzt und von nun an allgemein befolgt. Je kühner und unausführlicher ein solcher Angriff dem Vertheidiger einer Stellung erschien, desto grösseren Eindruck machte ein glücklicher Erfolg der Feinde auf ihn. Jede überraschende Erscheinung wirkt ausserordentlich auf den Menschen. Die Furcht, unerwartet in Flanke und Rücken angegriffen zu werden, liegt schon in der Natur und dem physischen Körperbau des Menschen, der nur von der Vorderseite aus, wo sich all’ seine Kräfte befinden, zu wirken im Stande ist. Man hatte damals freilich in der Kriegskunst mehrere Mittel, seine Flanken und seinen Rücken zu sichern, ob sie aber angewendet wurden, kann ich nicht behaupten, jedoch glaube ich, dass sie bei solchen überraschenden Erscheinungen selbst fruchtlos gewesen wären, denn einer ausser alle Fassung gekommenen Truppe lässt sich nicht so geschwind wieder Kaltblütigkeit und Entschlossenheit beibringén, besonders wenn nicht alle Anführer mit einem ausgezeichneten Bei­spiele vorangehen. Oft ist auch schon der richtige Moment vorüber, wenn die bestürzte Truppe wieder ihre Haltung erlangt hat. Diese erfolgreichen Flanken- und Rückenangriffe waren die Ursachen, dass so viele Gefangene gemacht wurden, und dass Truppen, durch solche Unternehmungen des Feindes nur bedroht, ohne im Geringsten ihre Schuldigkeit gethan oder irgend ein Mittel zu ihrer Rettung versucht zu haben, sich als verloren dem Gegner ergaben. Schon wollte man allgemein behaupten, dass unsere Truppen für den Gebirgskrieg gar nicht zu brauchen wären; man schien unserer Armee alle physischen und moralischen Kräfte hiezu abzusprechen. Doch nach und nach widerlegte die Erfahrung diese traurige Zumuthung und man überzeugte sich, dass es sich hiebei nur um das Wollen und um die zweckmässige Handlungsweise des Commandirenden handelte. Aber trotzdem, dass man in diesem langwierigen Kriege durch die vielen Erfahrungen hätte klug werden sollen, begehen doch manche Krieger im Gebirge noch unverzeihliche Fehler, sie können sich nicht in die neue Art der Kriegführung hineindenken und klagen oft auf die lächerlichste Weise über zu befürchtende Umgehungen. Mancher dieser Krieger zieht daher aus einer Stellung in die andere, hält sich stets in der folgenden sicherer, und glaubt bald auf den Höhen, bald in den Tiefen seinen wahren Aufstellungspunkt zu finden.

Next

/
Oldalképek
Tartalom