Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld

Über den Gebirgskrieg 77 Es sind Kebellen, es sind Horden ohne Anführung, ohne Generale und Officiere, es mangelt ihnen an so vielen Kriegsmitteln, an ihrer Spitze ist ein Advocat, ein Pfaffe, ein Friseur, ein Comödiant'). Das war der allgemeine Ausspruch, und selbst erfahrene Krieger hielten eine lange Existenz dieser Horden für unmöglich und deren baldige vollkommene Vernichtung als gewiss. Die Anfangs rasch auf­einander folgenden Siege schienen auch diese Voraussetzungen der nur allzu feurigen Krieger zu bekräftigen. Doch wie sahen sie sich mit ihrem veralteten Militär-System betrogen und wie theuer und mit welch’ grossen Opfern büssten sie den militärischen Leicht-und Starrsinn dieses Systems! Wie Mancher sah sich durch die Befolgung der Regeln seines Schulbuches und durch die buchstäbliche Nachahmung der Thaten berühmter Helden und Feldherren bitter getäuscht! Unbegreiflich schien den Meisten die so schleunige Veränderung der Sachlage, sie sahen und bewunderten dieselbe als etwas Ausser­ordentliches, Übernatürliches, was man nur in der französischen Nation suchen könne. Sie vergassen aber bei dieser Überraschung über den Grund jener Begebenheiten nachzudenken, welcher bei einiger Menschenkenntniss und Erfahrung leicht zu finden ist. Würde man, statt der drolligen Idee, eine Nation vernichten zu wollen, überlegt haben, über welche Hilfsmittel, über welchen Rückhalt diese schwärmerischen Horden rechnen konnten; würde man als Soldat frei und offen in die Grundsätze und fanatischen Ideen dieser Banden sich hineingedacht haben, anstatt selbe glatterdings zu verwerfen, sie gänzlich zu verabscheuen, weil sie vollkommen gegen die bei uns bestehenden Staats- und Religions-Maximen waren: so wäre man sicher auf zweckmässigere Gegenanstalten und Massnahmen verfallen, um mancher kritischen Lage vorzubeugen und um "den Absichten dieser Horden Grenzen zu setzen. Die Feldherren hätten die aus früheren Revolutions- und Empörungs­kriegen geschöpften Erfahrungen sich in das Gedächtniss zurückrufen sollen, um daraus zu erkennen, auf welche Weise solche Völker, solche Menschenmassen ihre Kriege führen und welcher Mitteln, welcher Gewaltthätigkeiten sie sich bedienen, um ihr Ziel zu erreichen. Diese Völker, ihrer Schwäche und geringen militärischen Kennt­nisse bewusst, suchten ihre Vortheile stets im Gebirge oder in sehr coupirten Gegenden. Die Gebirge waren daher auch meistentlieils der Aufenthalt und der Kriegsschauplatz rebellischer Nationen und auf­rührerischer Volksmassen. Wie hartnäckig die Gebirgskriege selbst gegen die mit dem Kriegswesen unvertrautesten Nationen waren, haben die Schweiz, die *) *) Bezieht sich auf die Truppen der französischen Republik,

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