Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Kriegs-Chronik Österreich-Ungarns. II. Theil. Der südwestliche Kriegsschauplatz im Donauthale und den österreichischen Alpenländern. (Mit eigener Paginirung)

Die Belagerung von Wien 1G83. 25 Neuhäusel. Waffenstillstandes den Ausbruch eines neuen Krieges erwarten. Die indirecten Unterstützungen Ludwig’s XIV., des „allerchristlichsten Königs“, die Verheissungen des Grafen Thököly, des Führers der ungarischen Malcontenten, und die durch fortwährende Kriege ge­schwächte Kraft des österreichischen Staates Hessen der Türkei den Zeitpunkt als günstig erscheinen, um sich Ungarns vollständig zu bemächtigen und die österreichische Macht zu zertrümmern. Alle Bemühungen des kaiserlichen Cabinetes, die Pforte zur Beobachtung und Verlängerung des Waffenstillstandes zu bestimmen, blieben erfolglos und schon im Herbste 1682 begann der Grossvezier Kara Mustapha ein gewaltiges Heer bei Adrianopel zu versammeln. Die kaiserliche Kegierung, nun überzeugt, dass SultanMohammed IV. im nächsten Jahre einen Hauptschlag gegen Österreich zu führen beabsichtige, traf demgemäss ihre Massregeln. Ende März 1683 wurde mit dem Könige Johann III. Sobieski von Polen ein Schutz- und Trutzbündniss zu Warschau abgeschlossen und die Churfürsten von Bayern und Sachsen, sowie noch andere deutsche Reichsstände ver­pflichteten sich, bedeutende Truppen-Contingente beizustellen. Der Papst Innocenz XI., die Geistlichkeit und Spanien steuerten grosse Summen zu den Rüstungskosten bei. Zugleich bot man Alles auf, um die Grenzfestungen Leopoldstadt, Komorn und Raab in guten Ver- theidigungszustand zu setzen. Da die Streitkräfte der Verbündeten erst für den späteren Ver­lauf des Krieges in Betracht kommen konnten, war Kaiser Leopold I. genöthigt, vorerst mit den eigenen schwachen Kräften den Kampf gegen die übermächtigen Gegner aufzunehmen. Das türkische, über 300.000 Mann starke Heer war bereits am 31. März von Adrianopel aufgebrochen, marschirte aber so langsam, dass es erst Mitte Juni bei Essegg die Drau überschritt. Die kaiserliche Armee unter dem Oberbefehle des Herzogs Karl V. von Lothringen, sammelte sich Anfangs Mai in einem Lager bei Kittsee, südlich von Pressburg; sie zählte 21.000 Mann Fussvolk, 10.800 Reiter, 6000 Ungarn und 92 Geschütze. Herzog Karl wollte sich vorerst der Festung Neuhäusel be­mächtigen und begann am 3. Juni dieselbe zu belagern, kehrte aber auf die Kunde von dem Anmarsche des feindlichen Heeres rasch hinter die Raab zurück. Am 1. Juli entwickelte Kara Mustapha sein Heer gegenüber den Kaiserlichen. Zweitausend Tataren waren schon vorher die Raab auf­wärts und in den Rücken Lothringen’s entsendet worden. Zahlreiche brennende Dörfer verkündeten Kara Mustapha, aber auch Lothringen, dass die Umgehung gelungen. Herzog Kaid gab nun ohne Verzug den Befehl zum Rückzuge. Er verstärkte die Garnison von Raab und beschloss, um Raab noch ferner zu decken, die gesammte übrige Infan-

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