Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Die Eroberung von Ofen und der Feldzug gegen die Türken in Ungarn im Jahre 1686. (Mit eigener Paginirung)

Die Venezianer zeigten sich dagegen, ebenso wie in den beiden früheren Jahren, auch 1686 von grosser Rührigkeit. In der Sorge, der Kaiser könnte durch die in Wien einflussreiche Friedenspartei und die arglistige Politik Ludwig’s XIV. ‘) bald dahin gebracht werden, die türkischen Friedens Vorschläge anzunehmen, rüstete die Republik in fieberhafter Hast Truppen und Schiffe zur Fortsetzung des Krieges aus, um sich für den Fall eines Friedens-Congresses mehrerer Erobe­rungen zu versichern und hiefür geeignete Compensationen beanspruchen zu können. Der Senat sah übrigens seine Anstrengungen durch ansehnliche Erfolge belohnt. Der Kampf in Dalmatien nahm einen glücklichen Fortgang, konnte sich aber an Bedeutung mit jenem auf der Halbinsel Morea keineswegs vergleichen. Auf dem letzteren Kriegs­schauplätze eroberten die venezianischen Armeen und Flotten Navarino, Modon und Napoli di Romania, welche Plätze den Besitz der pelopon- nesischen Halbinsel ebenso verbürgten, wie der von Ungarn durch den Fall von Ofen ausser Zweifel gestellt worden war. Den grössten Triumph erntete aber der Kaiser, welcher auch die schwersten Opfer für den Krieg gebracht hatte. ■—- Die Einnahme von Ofen brach die Macht der Türken an der mittleren Donau und bereitete die vollständige Eroberung des Königreiches Ungarn und seiner Nebenländer vor. Die letzten Operationen des Jahres 1686 rissen bereits Erlau, Stuhlweissenburg, Szigetvár und andere Festungen aus der Verbindung mit dem türkischen Reiche, weshalb auch der Grossvezier selbst den Austausch dieser isolirten Plätze gegen Siklós und Szegedin anbot. Ebenso gross wie die militärischen Errungenschaften waren die politischen Folgen des Feldzuges vom Jahre 1686. Der Fürst von Siebenbürgen wurde an das Interesse des Kaisers gekettet und Thököly jeder Gefährlichkeit derart beraubt, dass er den Türken lästig und dem Kaiser gleichgiltig zu werden begann. Noch wichtiger war jedoch der Umschwung, der sich seit Jahresfrist in der Gesinnung der ungarischen Nation vollzogen. Hatte schon die von den Türken gegen Thököly verübte Gewaltthat einen Theil der bis­herigen Frondeurs auf die Seite des rechtmässigen Königs getrieben, so brachte nun die Eroberung von Ofen viele der Hartnäckigsten unter den Malcontenten dahin, sich Leopold I., in dem sie den Wiederher­steller des ungarischen Reiches erkennen mussten, zu unterwerfen. *) Die Haltung Frankreichs flösste auch in Wien Befürchtungen ein. Bereits am 24. November 1686 erötfuete der Hofkriegsrath der österreichischen Hofkanzlei, dass „wegen der französischen Kriegsvorbereitungen unweit Philippsburg die Regimenter Max Starhemberg und Stadl jedes durch Anwerbung von 800 Mann zu verstärken seien.“ — Registratur des k. k. Reichs-Kriegsministeriums.

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