Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1885)
Der Feldzug gegen die Türken im Jahre 1685
Der Feldzug gegen die Türken im Jahre 1685. 201 Kriegs-Vorbereitungen. Winterquartiere. Obwohl die geldärtere, politische Lage es ausser Zweifel stellte, dass die ganze kaiserliche Armee diesmal gegen den „Erbfeind“ werde agiren können, stand ein baldiger Beginn der eigentlichen Operationen nicht zu erwarten. Die verbündeten Reicksfürsten hatten noch im Laufe des Winters in Wien erklären lassen, dass die Anwerbung von Recruten langsam vor sich gehe und — aller Wahrscheinlichkeit nach — die Truppen nicht vor dem Ende des Frühjahrs in schlagfertigen Zustand gebracht werden könnten. Aus diesem Umstande lässt sich ein Schluss auf die Mühen und Anstrengungen ziehen, welche in Österreich, das seit dem Regierungsantritte Leopold’s I. in schwere Kriege verwickelt gewesen war, angewendet werden mussten, um eine achtunggebietende Armee zeitgerecht im Felde erscheinen zu lassen. Die letzte Campagne hatte ganz ausserordentliche Opfer erfordert und die Lücken der Regimenter Hessen sich nur langsam durch die einheimische und Reichswerbung, sowie die Einreihung überlassener Auxiliar-Truppen ergänzen. Dazu kam noch, dass, während in früheren Feldzügen die Winterquartiere den Soldaten Erholung gebracht hatten, und die kalte Jahreszeit vornehmlich zur Completirung der Truppenstände verwendet werden konnte, der Winter 1684—85 nur noch beitrug, um ganze Abtheilungen des kaiserlichen Heeres zu „ruiniren“. Die Truppen, welche in Ungarn cantonirten, blieben zum Tlieil auch während des Winters unter Waffen und litten ausserordentlich in einem ununterbrochenen, an Strapazen überreichen Parteigänger-Kriege. Der in diesem Lande herrschende Mangel hatte sich in mehreren Quartierbezirken und Comitaten bis zur Hungersnoth gesteigert, welcher durch einen Proviant-Nachschub aus den Erbländern um so schwerer gesteuert werden konnte, als in Folge des anhaltenden Frostwetters die Donau sich zweimal mit Eis bedeckte. Krankheiten, Desertion und Excesse gröbster Art, welche letztere namentlich bei den wenig disciplinirten National-Truppen an der Tagesordnung waren, bildeten die unausbleibliche Folge des Nothstandes. Die ärgsten Ausschreitungen verübten die Czobor’schen Huszárén, welche, den Gehorsam verweigernd, sich eigenmächtig in die dem Obersten Heissler in der Neutraer Gespanschaft zugewiesenen Winterquartiere legten und darin wie Mordbrenner hausten '). Das Elend in Ober-Ungarn drohte sogar einen Conflict zwischen dem Kaiser und dem Churfürsten von Bayern herbeizuführen. Feldmarscliall-Lieutenant Graf Schulz, der kaiserliche Befehlshaber in Ober-Ungarn, weigerte sich, dem bayerischen Hilfscorps unter dem FZM. Grafen Sereni die angewiesenen Cantonirungsbezirke zu *) *) Heissler’s Berichte aus Léva (Levencz) vom 26. und 29. Januar 1685. Registratur des Reichs-Kriegsministeriums.