Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1884)

Hauptmann Jihn des Generalstabs-Corps: Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen

Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen. 139 Diese Handlungsweise des Königs erscheint durch die factische Lage der Dinge wenig gerechtfertigt. Nach der einen Seite wurde die Gelegenheit aus der Hand gegeben, einen der Gegner empfindlich zu treffen, während nach der anderen Seite momentan nichts zu gewinnen war, weil durch die nächste Verwendung des Goltz’schen Corps nicht einmal die Beobachtungssphäre des Königs wesentlich erweitert wurde. Der ganze Vorgang ist somit nur durch zwei Umstände erklärlich, nämlich erstens, dass der König über Stärke und Ver- theilung der ihm unmittelbar gegenüber befindlichen österreichischen Streitkräfte nicht richtig orientirt war, und er sich von einer Offensiv- Unternehmung nach dieser Seite keinen Erfolg versprechen konnte; und zweitens, dass der König durch die am 12. Mai, also unmittelbar vor seinem Eintreffen bei Schweidnitz durch Tottleben erhaltenen Nach­richten über die mittlerweile veränderten Absichten Russlands *) tlieil- weise irregeführt wurde, indem er das Eintreffen der russischen Armee auf dem Kriegsschauplätze hienach viel früher erwartete, als es in der That erfolgte. In Folge der Absendung des Goltz’schen Corps gestaltete sich die bis dahin nicht ungefährliche Lage Laudon’s wesentlich günstiger, und bald sollte es in dieser Beziehung noch besser werden; denn die bedeutsamste Wendung für den ganzen Verlauf des Feldzuges, welche diesmal ihren Angelpunkt in Petersburg hatte, und der Hauptsache nach darin bestand, dass nun auch die Verbündeten das Hauptgewicht der Kriegführung nach Schlesien verlegten, begann sich bereits zu vollziehen. Veränderter Operations plan des russischen Hofes. Verlegung des Hauptgewichtes der Kriegführung nach Schlesien. Verstärkung Laudon’s. Auf die ersten Entschliessungen hin, welche man in Russland bezüglich der Operationen des kommenden Feldzuges gefasst hatte, war vom österreichischen Botschafter zu St. Petersburg, Grafen Esterházy, der Antrag gestellt worden, ein russisches Corps nach Schlesien zur Verstärkung der Armee Laudon’s abzusenden. Darauf war man zwar ein­gegangen, — jedoch nicht im Sinne der österreichischen Anforderung — nachdem das Corps für sich hätte operiren sollen. Hievon versprach man sich in Wien keinen Nutzen, und seitdem ruhte die Angelegenheit. Man war daher in Wien nicht wenig überrascht, als am 7. Mai eine Note des russischen Ministeriums einlief2), welche den Entschluss des Hofes kundgab, die russische Haupt-Armee von mindestens 70.000 Combattanten schon gegen Ende Mai bei Posen zu versammeln und sie um diese Zeit in der Richtung auf Breslau, zur Vereinigung mit dem Corps ') Bemhardi, II. 285. 2) Kriegs-Archiv 1761; Fase. V, ad 6, Cabmets-Aeten. Mittheilungen des k. k. Kriogs-Arcliivs. 1884. io

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