Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1883)

Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreichs Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreiches gegen die französische Revolution

IV. Der bayerische Erbfolgekrieg 1778—1779. 63 liinderter antreten könne, hatte der Commandirende der Iser-Armee für eine entscheidende Umgehung seiner linken Flanke durch den grössten Theil des feindlichen Heeres gehalten. Er erfuhr aber auch, obgleich ihm eine Masse leichter Reiterei zur Verfügung stand, den Abzug der feindlichen Hauptmacht von Niemes-Neuschloss über die Elbe nach Sachsen um 48 Stunden zu spät, indess Kaiser Josef von dem Abmarsche des Königs acht Tage früher unterrichtet war. Die Stärkeverhältnisse an der Iser waren niemals derart ver­schoben und zu Ungunsten der Österreicher gestaltet, dass Feldmar­schall v. Loudon bei jeder Massenbewegung des Feindes die in Folge des allgemeinen Kriegsplanes von der Befehlgebung ausgegangenen Anordnungen unberücksichtigt lassen und den eigenen momentanen Eingebungen folgen durfte. Wie aus der Darstellung der Begebenheiten hervorgeht, waren die Zahlenstärken der an der Iser operirenden Heere im Ganzen gleich, nur war die Armee Loudon’s in sich concentrirter und in besseren, von Natur aus starken, durch Kunst befestigten Stellungen. Das Übergewicht, welches die verbündeten Preussen und Sachsen in der Anzahl ihrer Bataillone und Escadronen hatten, wurde durch die grössere Stärke der taktischen Einheiten bei den Österreichern reich­lich anfgewogen. In diesen Verhältnissen ist der Erklärungsgrund für die frieden­stiftenden Tendenzen Maria Theresia’s zu suchen. Bei Ihrer Majestät machte sich das Friedensbedürfniss noch in dem Augenblicke geltend, als Friedrich II. den Rückzug aus Böhmen begann, wie ihr zuvor erwähnter Brief an den König vom 2. September bezeugt. Auf einem ganz anderen Standpunkte befand sich der Kaiser, dem es weder an der Energie des Entschlusses, noch an der Kraft des Wollens fehlte, und der als Oberbefehlshaber des Heeres politi­schen Erwägungen weniger zugänglich war. Von dem unbegrenzten Vertrauen auf die rückhaltlose Hingebung und auf die unübertroffene Tapferkeit der Armee durchdrungen, glaubte er, auf die von der Iser eingehenden ungünstigen Berichte, die gegen einander rückenden Streitkräfte eher in einer Hauptschlacht messen zu sollen, als die inne­habenden festen Positionen an der Elbe und Iser zu räumen. Gerade diese Eventualität war es aber, welche die Kaiserin, aus zuvor an­geführten Gründen um jeden Preis vermeiden wollte, weil sie in dem unglücklichen Ausgange eines Zusammenstosses eine imminente Gefahr für die Monarchie erblickte. Auch der Kaiser zog die Möglichkeit einer Niederlage in sein Calcül, aber er war sich dessen bewusst, dass selbst ein Sieg dem Gegner so grosse Opfer kosten würde, um ihn nicht weiter verfolgen zu können. Die Fortdauer des Krieges musste aber bei den gegen­seitigen Macht- und Stärkeverhältnissen auch ein siegreiches Preussen

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