Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution
412 Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr etc. traurigen Wahrheiten die Kaiserin niederschmettern, lassen sie ihr Um jeden Preis einen nicht erniedrigenden Frieden wünschen. Ihre Be-fürch- tungen, dass der Krieg hei dem Beharren auf dem bisher eingenommenen Standpunkte unausbleiblich sei, nähmen ungeachtet aller von Berlin kommenden Berichte nicht ab und ihr bange es ausserordentlich vor den ersten Zusammenstössen der einander gegenüber stehenden Heere. Man sagt, der König führe eine neu erfundene Artillerie von mörderischer Wirkung und grosser Tragweite mit sich und diese, sowie alle anderen Erfindungen, welche zur Vernichtung der Menschheit gemacht wurden, machen die Kaiserin trostlos *). Österreich schliesse daher den Frieden und Josef II. werde der Patriarch — der Vater seiner Völker. Opfere er nicht die Elite der Monarchie für eine Sache, die ihr, und das Unglück der Dynastie sei und den Untergang beider herbeiführen könne, so erhalte man die Elite der Monarchie für bessere Zeiten und Verhältnisse und der Kaiserin zwei so theuere Söhne (Kaiser Josef und Erzherzog Maximilian), die ihr mit allem Recht so viel Sorge verursachen etc. Der Kaiser suchte die düsteren Ahnungen seiner Mutter zu zerstreuen, indem er Anfangs Juni ihr rieth, standhaft zu bleiben. Alle Interessen der Monarchie erheischten es, erst dann nachzugeben, wenn man unglücklich und mehrere Male geschlagen worden wäre, um die eigene Schwäche und Ohnmacht nicht offenkundig werden zu lassen. Er — der Kaiser — könnte wohl für die Ereignisse mit Sicherheit nicht einstehen. Wenn aber, wie Alles ver- muthen lasse, Österreich und Preussen allein sich schlagen sollten, so würde der König die zu erringenden Vortheile theuer bezahlen müssen. Man habe im Hauptquartiere der k. k. Armee fast Alles vorausgesehen und sei auf alle möglichen Ereignisse gefasst. Es gäbe zwar noch mehrere, namentlich ungarische Regimenter, die noch nicht ihre Recruten erhalten haben und die demzufolge für den Kriegsstand sehr schwach seien. Die Regimenter aus Siebenbürgen beginnen zu der Armee zu stossen. Im Ganzen befände sich alles im besten Stand; die Artillerie sei vortrefflich bespannt, desgleichen der Wagenpark; die artilleristischen Geheimnisse des Königs von Preussen brächten keinen Eindruck bei der kaiserlichen Armee hervor, die mit Geschützen gut ausgerüstet sei und der gegnerischen Artillerie viel zu schaffen geben würde. Hinsichtlich der der Lausitz gegenüber zu nehmenden Positionen herrsche noch einiger Zweifel und einige Unklarheit, sonst sei Alles schlagfertig und bereit, in die Action einzutreten^ sobald der erste Schuss gefallen. Diesem Augenblicke würde ohne- Furcht, aber auch ohne ihn zu wünschen entgegengesehen. Der Kaiser l l) Darunter wurden wahrscheinlich die preussischen Haubitzen mit einer Tragweite bis 4000 (?) Schritt gemeint. Vergleiche: Oeuvres de Frédéric le Grand; tome \L