Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)

Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution

406 Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr etc. setzen. Hiedurch würde ihm die Möglichkeit geboten, einen Vorsprung von vier Tagen in der Bewegung zu gewinnen. Wenn der Prinz jetzt schon ein Corps nach Cottbus und Peitz vorschöbe und den Rest seiner Streitkräfte fortwährend marschbereit hielte, so könnte er dem Feinde in der Besetzung Dresdens zuvorkommen, wenngleich nicht zu leugnen sei, dass die Österreicher der Hauptstadt Sachsens und dem Orte Zittau näher stünden als die Preussen. Zur Erleichterung der Operationen des Prinzen würde der König daher ein österreichisches Corps gegen sich nach Königgrätz ziehen und erst dann, wenn er dessen Armee jenseits Dresden wisse, nach Mähren aufbrechen, wo eine grosse Schlacht über das Schicksal des Krieges entscheiden würde. Über das Resultat dieses Zusammenstosses, wie überhaupt über den Ausgang des ganzen Krieges könne der Prinz beruhigt sein. Die Nachrichten aus Russland seien sehr gut. Diese Macht und Frankreich drücken mit der ganzen Schwere ihres Ein­flusses auf Österreich; die Furcht vor einem allgemeinen Kriege wird dem Wiener Hofe vielleicht Gefühle der Mässigung einflössen. Im Übrigen hege der König die Überzeugung, dass Österreich, wenn es gegenwärtig zwischen den beiden Nachbarreiehen zu keinem Kriege kommen sollte, in zwei Jahren wieder aggressiv werden wüi’de; es handle sich nur noch darum, zu wissen, ob Europa für Preussen dann ebenso gut disponirt sein würde, wie in dem jetzigen Augen­blicke. Aber noch andere Gründe zwängen ihn, in der gegenwärtigen Conjunctur die Entscheidung mit den Waffen jener mit der Feder vorzuziehen. Die Corps der Österreicher in Böhmen stehen sehr vereinzelt und können, wenn sie auch durch einige Verschanzungen gedeckt sind, leicht zertrümmert werden; es sollen 10.000 bis 15.000 Mann in Bayern, 7000 bis 8000 Mann hei Eger, 40.000 Mann in Mähren, 15.000 Mann in den Festungen als Besatzungen und nur 25.000 Mann, der königlichen Armee im Glatz’schen gegenüber, vereinigt stehen. Hiernach blieben noch 92.000 Mann, die bei Leitmeritz, Gabel und Jungbunzlau Stellung genommen haben sollen. Die an der Grenze stehenden, durch Räume von 20 Meilen (150km) von einander getrennten Corps der Österreicher seien ausser Stande, ihre Vereinigung rasch zu bewirken. Prinz Heinrich würde daher mit dem 40.000 Mann starken Corps bei Lobositz bald fertig werden und sich sodann auf Prag werfen können, während der König die Corps bei Jároméi- und Königinhof festhalte und in Mähren einfalle, um den Heerestheil des Herzogs Albrecht von Sachsen-Teschen zu schlagen. Die Österreicher sollen über eine zahlreiche Artillerie — 15 Geschütze per Bataillon — verfügen und darauf ihre Hoffnungen gründen, aber auch die Preus­sen haben an dieser Waffe keinen Mangel.

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