Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1881)
Moriz v. Angeli, Major im k. k. Kriegs Archive: Der Krieg mit der Pforte 1736 bis 1739 - II. Der Feldzug von 1737
282 Der Krieg mit der Pforte 1736—39. Von Nissa aus gelange man in fruchtbare Gegenden, die ein Heer leicht ernähren und deren nicht - mohammedanische Bewohner sich rückhaltlos an Österreich schliessen würden, von dem sie die Befreiung vom türkischen Joche erhoffen. Durch die Ausdehnung der Operationen über Pristina und Kazanlik nach Albanien, Macodonien und den Hafenstädten, müsse das dann gänzlich isolirte fanatische Bosnien von seihst fallen. Die energische Verfolgung dieses Programmes führe zu der besten, nur 42 Meilen langen Grenze, welche vom Golfe della Contessa (Kawala, östlich von Salonichi) über Philippopel bis Rustschuk reichen und somit Serbien, Macedonien, den grössten Theil Bulgariens, das türkische Dalmatien, Bosnien, Albanien, Epirus, Thessalien, Achaja etc. unter das Scepter des Kaisers bringen würde. Wie hochfliegend dieser Plan auch scheinen mag, damals stand seiner Verwirklichung kaum ein berechenbares Hinderniss entgegen. Mit Ausnahme Bosniens, wo allerdings ein verhältnissmässig stärkerer Widerstand vorausgesetzt werden konnte, war die übrige Türkei nahezu gänzlich von Truppen entblösst. In Widdin belief sich die Besatzung auf wenige Tausende Waffenfähige, die sich an einen Kern von etlichen Hundert Janitscharen schlossen. Der Weg dahin führte allerdings durch ein defiléreiches Bergland, allein nach dem Berichte des Oberstlieutenant Grämlich konnte die vorhandene Communication mit einem Aufwande von 20.000 fl. durch 4000 Arbeiter binnen acht Wochen für alle Waffen gut benützbar gemacht werden; abgesehen davon, dass die Donau jede Bewegung einer Armee in dieser Richtung ausserordentlich erleichtert. Die Besatzungen von Nissa und den übrigen im Lande verstreuten festen Punkten waren kaum in Betracht zu ziehen, die christliche Bevölkerung überall bereit, mit den kaiserlichen Truppen gemeinsame Sache zu machen, und die Pfortenregierung selbst von solcher Muth- losigkeit befallen, die ihr jede energische Massregel unmöglich erscheinen liess. Allerdings forderte der Talman’sche Plan das rasche Erfassen und kühne Ausnützen der Situation, wodurch Prinz Eugen von Savoyen so oft den Sieg an seine Fahnen band, aber eben dieses traf zuerst auf Widerstand. Feldmarschall Graf Khevenhüller war der Ansicht, die Armee an den Grenzen aufzustellen und sich nur in dem Maasse in eine Operation einzulassen, als die Russen reussirten. Bevor diese nicht Bender und Oczakow erobert hätten und dadurch die Siebenbürger Grenzen sicherten, müsse man ruhig abwarten, was geschehe. Um Russland zu befriedigen, könnten von Croatien aus immerhin Einfälle gemacht werden, jedoch nicht um zu erobern, sondern nur um zu contribuiren.