Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs - Die Occupation Bosniens und der Herzegovina (1879)
Ereignisse vom Einmarsche bis zur Einnahme von Sarajevo
102 Einleitung der Operationen. treffen mit den k. k. Truppen fast unvermeidlich und damit möglicherweise Ursache zu gefahrdrohenden Verwicklungen gegeben. Schon waren dem Feldzeugmeister Nachrichten geworden, dass es zweifelhaft, ob die Hohe Pforte in loyaler Erfüllung übernommener Verpflichtungen rechtzeitig ihren Organen die nothwendigen Instructionen zukommen lassen werde. Fast 200.000 christliche Bewohner Bosniens und der Hercegovina hatten die Wirren der letzten Jahre vom häuslichen Herde getrieben und gezwungen, Schutz auf österreichisch-ungarischem Boden zu suchen. Deren Repatriirung — ein Hauptmotiv des ganzen Unternehmens — musste, als vielfach mit berechtigten oder unberechtigten Privat-Interessen collidirend, Gfefahren aller Art in sich bergen. Zahlreiche flüchtige Hercegovcen hatten in Montenegro Zuflucht gesucht und standen mit dessen Kriegern vereint, noch auf dem in harten Kämpfen den Türken entrissenen Boden der Hercegovina. Auch hier waren Complicationen zu mindest im Bereiche der Möglichkeit. Die geringe Stärke der nach dem Einmärsche auf weite Strecken Landes zu vertheilenden, durch ungangbare und unwirthliche Gebirgszüge getrennten Colonnen der Occupations-Truppen konnte obgeschilderte Schwierigkeiten nur mehren. FZM. Freiherr von Philippovic war sich der Gefahr dieser Lage auch wohl bewusst und in jeder Richtung bestrebt, ihr zu begegnen. Zunächst sollte nachstehende, in slavischer und türkischer Sprache verfasste, nun auch durch die k. k. Truppen zu vertheilende Proclamation an die Bevölkerung Bosniens und der Hercegovina dieser die Ziele der Occupation klar machen 1). Proclamation. „Bewohner von Bosnien und der Hercegovina!“ „Die Truppen des Kaisers von Oesterreich und Königs von Ungarn sind im Begriffe, die Grenzen Eueres Landes zu überschreiten.“ „Sie kommen nicht als Feinde, um sich dieses Landes gewaltsam zu bemächtigen.“ „Sie kommen als Freunde, um den Uebeln ein Ende zu bereiten, welche seit einer Reihe von Jahren nicht nur Bosnien und die Hercegovina, sondern auch die angrenzenden Länder von Oesterreich-Ungarn beunruhigen.“ „Der Kaiser und König hat mit Schmerz vernommen, dass der Bürgerkrieg dies schöne Land verwüstet; dass die Bewohner desselben Landes einander bekriegen; dass Handel und Wandel unterbrochen, Euere Heerden dem Raube preisgegeben, Euere Felder unbebaut sind und das Elend heimisch geworden ist in Stadt und Land.“ „Grosse und schwere Ereignisse haben es Euerer Regierung unmöglich gemacht, die Ruhe und Eintracht, auf denen die Wohlfahrt des Volkes beruht, dauernd herzustellen.“ ') Diese Proclamation war auch schon früher im Wege des Consulates verbreitet worden. (Seite 77.)