Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 2. (1877)

Die Neben-Operationen im Feldzuge 1859 in Italien

94 Die Neben-Operationen im Feldzuge 1859 in Italien. den Vortheil auf seine Seite. Beide Theile fussten bei ihren Berech­nungen auf die Wahrscheinlichkeit der Betheiligung Deutschlands am Kriege, doch in entgegengesetzter Richtung: Österreich hoffte auf die­selbe, Frankreich auf deren Verweigerung. Deutschland löste die Frage zu Gunsten Frankreichs. Preussen, welches, theils von dem Einflüsse der neutralen Gross­mächte, theils von Sonderrücksichten geleitet, die Anwendbarkeit der in der Bundesacte vorgesehenen Solidarität des deutschen Bundes mit Österreich auf den gegebenen Kriegsfall negirte, begab sich bei weite­rer Entwicklung der Ereignisse auf den Standpunkt seiner europäischen Grossmachtstellung. Es verordnete die Kriegsbereitschaft und zuletzt die Mobil­machung des eigenen Heeres und veranlasste die übrigen Bundes­staaten, ihre Contingente ausdrücklich nur zum Zwecke „einer be­waffneten Mediation“ für den Zeitpunkt aufzubieten, in welchem deren Erfolg durch die Kriegslage gesichert wäre. Eine bewaffnete Mediation zwischen zwei kriegführenden Parteien begreift aber die Möglichkeit einer Dazwischenkunft mit Waffengewalt nach beiden Seiten in sich. Österreich, welchem der Anspruch auf die Garantie seines ausserdeutschen Besitzstandes durch eine zweifelhafte Auslegung der Verträge abgesprochen wurde, befand sich bei der preussischen Auffassung der Stellung Deutschlands zur austro-italienischen Frage der Eventualität gegenüber, von deutschen Waffen bedroht, seine unbestreitbaren Besitzrechte Erörterungen unterziehen zu sehen. Englands staatliche Rücksichten wurden von dem Kriege zwischen Österreich und Frankreich in keinerlei Weise berührt, seiner Politik war also auch der Ausgang desselben gleichgiltig; aber die Handels- Interessen dieses Staates erfuhren durch ihn eine empfindliche Schmäle­rung und forderten die möglichste Beschränkung seiner Dauer und Ausdehnung. In diesem Wunsche war auch die ganze öffentliche Mei­nung Englands vereinigt, zwischen den kriegführenden Mächten aber insoferne getheilt, als die conservative Tory-Partei den Sieg Österreichs, jene der Whigs hingegen, welcher die Liberalen und die grosse Masse des Volkes angehörten, wegen ihrer Sympathien für Italien und dessen Einigung den Sieg Frankreichs herbeiwünschten. Der Sturz des Tory-Cabinets Derby Ende Mai brachte Österreich kaum geringere Nachtheile, als der fast gleichzeitige Verlust der Schlacht bei Magenta; denn das neue Cabinet Palmerston musste nun den ganzen Einfluss Grossbritanniens einsetzen, um Preussen von der Theilnahme am Kriege abzuhalten, damit dieser zu Gunsten des briti­schen Handels abgekürzt und localisirt, — nach dem Wunsche der herrschenden Whigs aber, damit die von Frankreich bezweckte Be­freiung Italiens durch die Ingerenz Preussens nicht wieder fraglich oder gar vereitelt werde.

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