Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 1. (1876)

Österreichs Kriege seit 1495. Chronologische Zusammenstellung des Schlachten, Gefechte, Belagerungen etc., an welchen kaiserliche Truppen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen entweder allein, oder mit ihren Alliirten theilgenommen haben - Eine Episode aus der Schlacht bei Magenta den 4. Juni 1859

Strasse vorangehend, sich dem Hause nähert. „Vorwärts Zuaven, schlagt diese Thür ein!“ ruft er. Die Zuaven folgten ihrem Generale auf dem Fusse, der sich auf diese Weise freiwillig den Büchsen der Tiroler *) als Zielscheibe darbietet; mit wiederholten Schlägen erschüttern sie die Thüre, die allen Anstrengungen widersteht. Von Zorn erfüllt, seine tapfersten Soldaten diesem Hinderniss zum Opfer fallen zu sehen, klopft der General mit dem Gefäss seines Degens an die Jalousien eines Parterrefensters und ruft mit gebieterischer Stimme: „Hier herein!“ In demselben Augenblick zerschmettert ihm ein Flintenschuss aus dem Fenster, an welches er sich gelehnt hat, den Arm und dringt ihm in den Unterleib; noch einen Augenblick bleibt der General un­beweglich stehen, dann entfällt der Degen seiner Hand, und er sinkt auf die Erde, um nicht wieder aufzustehen. Als die Zuaven ihren Führer, dessen Tapferkeit sie begeistert hat, zu ihren Füssen in den Tod gestreckt sahen, stossen sie ein Wuth- geheul aus und stürzen wie wüthende Löwen auf das Fenster, das sie in Stücke schlagen. Alsbald ist das Haus erobert, und alle in dem­selben Befindlichen getödtet oder gefangen genommen.“ — Auch der Feind versagte dem Verhalten dieses Häufleins Jäger nicht die Anerkennung. Der grösste Lohn für solches Verhalten lebt aber nur in der Brust der Betheiligten, die das Bewusstsein erfüllter Pflicht mit sich tragen. Sicherlich hat aber der Mangel einer lauten Anerkennung, welche gewöhnlich nur dem Sieger zu Theil wird, den Nachtheil, dass das moralische Element eines solchen Heeres unter dem Beifall einer, den Erfolg anbetenden öffentlichen Meinung leidet. Daher ist es unsere Aufgabe, einzelne Züge österreichischer Tapferkeit und Waffentreue an das Licht der Öffentlichkeit zu ziehen, um in der ungeschminkten Erzählung derselben einerseits den Tapferen den Tribut der kameradschaftlichen Anerkennung zu zollen und ihr Wirken dem Vergessen zu entreissen, anderseits dem Nachwuchse ein Beispiel und Vorbild zu liefern. Nur zu sehr schmachtet ein Heer unter den drückenden (Konsequenzen der Verkennung, welche der Misserfolg aufbürdet; nur zu sehr ist man geneigt, die grossen Ver­hältnisse auch dem Einzelnen zur Last zu legen. Sicherlich ist jeder Einzelne in einem gewissen Sinne Theilhaber an dem Erfolge wie an dem Misserfolge, und dies mag uns anspornen, in jeder Richtung thätig zu sein, emsig an unserer Vervollkommnung zu arbeiten. Aber das Bewusstsein muss im österreichischen Soldatenherzen als Grundlage erhalten und gepflegt werden, dass der Soldat stets treu und auf­opferungsfähig seinem Vaterlande gedient hat, dass die moralischen Bedingungen in ihm liegen, den Sieg zu erkämpfen. Eine Episode aus der Schlacht bei Magenta den 4. Juni 1859. 71 *) Unter den Franzosen galten die Jäger stets für Tiroler.

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