Zalai Múzeum 5. (Zalaegerszeg, 1994)

Neugebauer, Johannes-Wolfgang: Die frühe und beginnende mittlere Bronzezeit in Ostösterreich südlich der Donau

88 Neugebauer, Johannes — Wolfgang Position, mit mehr oder minder stark angewinkelten Ex­tremitaten (die Variationsbreite reichte von den extrémen über die (mittel-)mâBigen bis hin zu den lockeren Hok­ern), beigesetzt. Gestreckte Bestattungen bildeten die Ausnahmen. Typisch fur die Unterwölblinger und Bö­heimkirchner Kulturgruppe war die bipolare geschlechts­differenzierte Skelettausrichtung mit einer einheitlichen Blickrichtung (=Gesichtsfeld). Manner wurden als linke Hocker mit dem Schâdel nach Norden, Frauen als rechte Hocker mit dem Schàdel nach Süden gebettet. Als gemeinsame Blickrichtung ergab sich Osten. Da diese Form der Beisetzung, im Gegensatz zu jener álteren der Schnurkeramik, seit der Glockenbecherkultur auftrat, wird sie als , ,Glockenbechertyp der Bestattungssitte" bezeichnet. 25 In der Friihbronzezeit des Unteren Traisentales war die Einzelbestattung üblich (pro Grabgrube nur ein Toter). Doppel- oder Mehrfachbeisetzungen oder Nachbestattun­gen waren dagegen selten; Ausnahmen traten verstàrkt in der Nekropole Franzhausen II auf . Manner- und Frauengràber können nicht nur durch die anthropologischen Reste und durch die geschlechts­spezifische Orientierung, sondern auch durch Tracht­bestandteile und Waffenbeigaben unterschieden werden. Waffen, wie Bronze- und Steinbeile, blieben erwachsenen Mânnern vorbehalten (Abb. 5/1—5). Dolche hingegen zeichneten auch schon Knaben aus, die der sozialen Ober­schichte angehörten (Abb. 5/6—10). Die Beil-Dolch­Kombination in Mànnergràbern ist insbesondere fur die fortgeschrittene Friihbronzezeit charakteristisch. Ösen­und Spiralhalsreife, Armreife, Fingerringe, Schmuck­nadeln, Blechröllchen und Dentalien wurden sowohl von Mànnern als auch von Frauen getragen. Das Vorhanden­sein von nur einem Armreifen oder einer Schmucknadel deutet auf Manner- oder Knabenbestattungen hin, die Zweizahl auf die von Frauen und Màdchen. Kinder erhielten dieselben Schmuckstiicke wie die Erwachsenen, nur in entsprechend kleinerer Ausfuhrung. Zur Frauentracht, die Màdchen ab 14 Jahren trugen, ge­hörten hàufig Lederkappen, die durch verzierte Bron­zeblechstreifen gehalten wurden. Àhnlich ornamentierte Bleche saumten den Halsausschnitt des (Ober-)Юeides. In einigen Fallen waren auf das Gewand eine grofte Anzahl kleiner gelochter Schneckenhàuser aufgenàht. Ketten bestanden aus Gliedern verschiedenster Materialien und Formen: gegossene Bronze-, geschnitzte Bein- oder Bern­steinperlen, rundé oder trapezförmige Knochenanhânger, Zàhne von Hunden und verschiedene Muscheln. Eine be­liebte Schmuckgattung bildeten die Noppenringe: Sie faBten Haarstràhnen aufwendigerer Frisuren der Frauen und Kinder zusammen; in Mànnergràbern sind sie selten. Eine Frau in Grab Nr. 747 trug eine mit Spiralanhàngern besetzte Lederkappe. Ihr Haar wurde durch Noppenringe zusammengehalten. AuBerdem schmiickten sie verzierte Bleche am Halsausschnitt, ein Ösenhalsreif und massive Arm- und Fingerspiralen; zwei groBe Scheibenkopfnadeln hielten ihren Umhang fest. In Grab Nr. 110 trug die Bestat­tete zusàtzlich eine bronzene Hut- oder Kapuzenzierde. 26 Diese unikaten, lediglich dreimal in Franzhausen I in Gràbern von Frauen gehobenen Standes vorgefundenen kunstvollen Besatzteile bestehen aus zwei groBen, in der Mitte etwas abgewinkelten Blechstreifen mit eingerollten Enden. Die Verbindung beider wurde durch zahlreiche Lamellen, die U-förmig gebogen und dachziegelartig iibereinandergelegt waren, erreicht. Eine Befestigung der Einzelbestandteile erfolgte durch kleine Splinte. Die Bleche selbst waren mit randbegleitenden Reihen von klei­nen Buckelchen, die durch Einstiche von der Rückseite herausgedrückt worden waren, ornamentiert. In der Mitte der Làngsstiicke sind kreuzartige Symbole, vielleicht stark abstrahierte menschliche Figuren mit ausgebreiteten Armen, angebracht. Indizien fur sekundàre Eingriffe sind auffálige humose Teile im Füllmaterial der Grabscháchte (=,,Störungstrichter"), Dislozierungen von Skelettpar­tien, Grünfárbungen an den Knochen durch Patina der verursachenden Bronzén, die geraubt worden sind, und Fehlen von Skelettresten oder der gesamten Bestattung sind Indizien fur sekundàre Eingriffe im Grab. Für diese Erscheinungen wird üblicherweise zeitgenössischer Grabraub verantwortlich gemacht. Durch die bei den um­fangreichen Untersuchungen im Traisental angestellten, detaillierten Beobachtungen können diese Vorgànge genauer umschrieben werden. Grabpliinderungen sind weltweit fur fast allé Zeitperioden nachgewiesen. Im ös­terreichischen Donauraum waren in der Frühbronzezeit solche Vorgànge überdurchschnittlich hàufig. Es gab nicht nur einzelne Ràubereien bei Nacht und Nebel, sondern auch gleichzeitige, offene Plünderungsaktionen bei Tages­licht. Greifbar wird dieses historische Faktum durch den archàologisch/anthropologischen Nachweis des Verwer­fens von Skeletteilen in mehrere gleichzeitig offen ste­hende Grab- bzw. Beraubungsschàchte. In diesem Zusam­menhang erhebt sich die Frage, ob sich der Ràuber durch Vernichtung des Skelettes oder zumindest Verwerfen des Schâdels der Rache des Geschàndeten zu entziehen ver­suchte, wie es aus nordischen Sagen bekannt ist. 27 Die wenigen unversehrt oder nur gering gestört erhalten gebliebenen Gràber vermitteln trotzdem eine Vorstellung des ehemaligen Reichtums der hier lebenden Menschen. Nicht nur die Quantitàt der Beigaben, sondern natürlich auch ihr Materialwert ermöglichen Rückschlüsse auf die soziale Stellung der Bestatteten. Glas, Bernstein und Goldobjekte zeichneten die reichen Verstorbenen aus. Wàhrend Bernstein- und Glasperlen in Manner- und Frauengràbern auftraten, wurden die 19 aus Franzhausen I stammenden goldenen Lockenringe ausschlieBlich von Mànnern und Knaben getragen.

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