Ljudje ob Muri. Népek a Mura Mentén 2. kötet (Zalaegerszeg, 1998)
Othmar Pickl (Graz): Das Grenzverteidigungssystem gegen die Türken in Ungarn. Nationale Unterschiede in Strategie und Taktik der Osmanen-Abwehr
Othmar PICKL (supremus capitaneus confiniorum) konnte sowohl mit einem Vertreter der benachbarten habsburgischen Länder als auch einem ungarischen Magnaten besetzt werden, und unterstand unmittelbar dem Hofkriegsrat. Hingegen konnten zu Generalkapitänen der einzelnen Distrikte lediglich gebürtige Ungarn bestellt werden. In beiden Fällen suchte der Hofkriegsrat aber sich die Kontrolle über das verliehene Territorium zu sichern. Es ist geradezu logisch, daß sich innerhalb dieses dualistischen Systems, das durch kaiserliche Hauptburgen mit meist kaiserlichen Truppen einerseits und kleineren Festungen mit überwiegend ungarisch-kroatischen Besatzungen andererseits eine verschiedene Strategie bzw. Kampfesweise ausbilden mußte. 2 Die Verteidigung der langen Grenze gegen die Türken stützte sich hauptsächlich auf 90 bis 100 Festungen unterschiedlicher Größe und Ordnungen, denn in den Grenzgebieten wurde auch nach den Waffenstillständen oder Friedensschlüssen der Kleinkrieg, d.h. gegenseitige Überfalle und Raubzüge, praktisch ununterbrochen weitergeführt. Die Habsburger suchten daher einen Grenzschutz zu schaffen, der die Verwüstungen des ständigen Kleinkrieges möglichst gering halten und andererseits den Aufmarsch der großen türkischen Heere durch den Verteidigungsgürtel verlangsamen sollte. 3 Die ungarischen Militärhistoriker u.a. Perjés und N.-Kiss betonen, daß es im 16. Jhdt. vor allem das Militär der Grenzfestungen, d.h. hauptsächlich ungarische, nur zum kleineren Teil deutsche bzw. kroatische Söldner waren, die im 16. Jhdt. - bis zum „langen Türkenkrieg" von 1593-1606 - den Verteidigungsgürtel gegen die ständigen kleineren und größeren Vorstöße der Türken erfolgreich verteidigten. Alle diese Kämpfe wurden etwa 100 km vor den österreichischen Erblanden ausgetragen und stellen die eigentliche historische Leistung Ungarns dar. Im übrigen bildete das Militär der Grenzfestungen in einer Stärke von etwa 8.000 bis 12.000 Mann im 16. Jhdt. das einzige stehende Heer des damaligen Habsburgerreiches. Die Soldaten der Grenzburgen lebten in einer ganz besonderen Welt. Abgesondert und zurückgezogen bildeten sie innerhalb ihrer Festung eine für die Primärgruppen charakteristische Organisation aus. Weil sie unter dem Druck ständiger und drohender Gefahr mehr oder weniger auf sich selbst angewiesen waren, mußten sie deshalb auch die jeweils besten Verteidigungsmöglichkeiten spontan und selbständig entwickeln. Das bewirkte die Ausbildung eines „Esprit du corps" sowie einer eigenen Ethik und Kriegsmoral. So bildete das Militär der Grenzfestungen gleichsam eine „Heldengemeinschaft". Aus diesem pathetischen Lebensgefühl entstand das Gefühl, daß Ungarn die „Vormauer der Christenheit" gegen den Halbmond sei. 4 Dieses Gefühl verstehen wir innerösterreichischen Historiker übrigens nur zu gut. Fühlten sich doch die einzelnen habsburgischen Teilstaaten der i.ö. Ländergruppe, nämlich Steiermark, Krain und Kärnten im 16./17. Jhdt. durchaus zu Recht als „des HL Rom. Reiches Hof zäun" gegen die Türken und vom Wiener Hof und dem Hl. Rom. Reich in ihrem Kampf vielfach nur unzureichend unterstützt bzw. in Stich gelassen. Andererseits erzwang sowohl im türkisch besetzten Ungarn als auch in den Grenzzonen die harte Realität des Alltags trotz aller religiösideologischer Gegensätze und der unerbittlichen Kämpfe schon im 16. Jhdt. immer wieder die Zusammenarbeit mit den Türken. Das galt besonders für den Bereich des blühenden Ochsenhandels, aus dem beide Seiten finanzielle Vorteile zogen. 5 Kollaboration mit der Gegenseite war eben damals schon genauso wenig zu vermeiden wie im 20. Jhdt. fast aller europäischen Staaten mit den übermächtigen Diktaturen Hitlers bzw. Stalins. Die Kriegstaktik der ungarischen Husaren bestand in schnellen Vorstößen und Beute180