„Stephan Dorffmaister pinxit”. Dorffmaister István emlékkiállítása (Zalaegerszeg, 1997)
Galavics Géza: Die Histrienbilder von Stephan Dorffmaister
bayerischen Klöstern bereits im 17. Jahrhunderts beliebt war. Bei solchen Darstellungen lagen die Akzente immer auf den Gebäuden, Kirche, Kloster, Gutszentren, Kornhäuser und Stallgebäude wurden gleicherweise verewigt. 33 Die Ansicht des Guts von Szentgotthárd gehört aber nicht zu diesem Typ. Im Hintergrund erscheint zwar der Gebäudekomplex der Abtei mit Kirche, Ordenshaus und mehrgeschossigem Wirtschaftsgebäude (Abb. 67.), aber das Gemälde ist eher als ein monumentales Landschaftsbild angelegt, mit weiten Ausblicken, mit den Ansichten des Marktfleckens Szentgotthárd und der umliegenden Dörfer in der Ferne. Die Landschaft wird von Abt Fritz Alberik und einem seiner Mitbrüder - nach Annahme Maria Sterneggs vom Chronisten Theophil Heimb - vorgestellt, die im Vordergrund bei den Ruinen stehen. 34 (Abb. 68.) Die Landschaft ist bewegt, sie kommt einem Inventar nahe. Auf dem Gut diesseits der Raab sind auf einem weiten Kornfeld Schnitter emsig bei der Arbeit, daneben wird auch der Weingarten bestellt, weiter enfernt wird Heu eingetragen und eine Herde gehütet. (Abb. 69.) Die Absicht des Auftraggebers ist eindeutig: Er wollte vorzeigen, daß der Orden aus dem verfallenen Szentgotthárd in einem knappen halben Jahrhundert die Abtei neu erstehen und Landschaft wie Kultur wieder aufblühen ließ. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, daß Dorffmaister einen Teil der Umgebung von Szentgotthárd aufgrund von eigenen, vor Ort aufgenommenen Skizzen ausführte, wie auch den Landschaftshintergrund des letzten Bildes der Folge, die Ansicht des barocken Hauptplatzes von Szombathely. Das Thema dieses Bildes ist folgendes: Der Abt von Szentgotthárd schloß sich den Stiftern des Lyzeums von Szombathely an. (Kat. Nr. 44, Abb. 70.) Die Zisterzienser, so auch die Abtei Szentgotthárd, blieben von den Maßnahmen Josephs II. zur Aufhebung der religiösen Orden verschont. Die Abtei blieb bestehen, und der Orden kam den Forderungen der Zeit entgegen: Im Jahr 1793 machte Abt Marian Reutter eine maßgebliche Stiftung zugunsten des Lyzeums von Szombathely und entsandte auch zwei Lehrer aus dem Orden in den Lehrkörper. Die Themenwahl erfolgte bewußt und entsprach der allgemeinen Stimmung. Das Bild demonstriert, daß der Zisterzienserorden einen Teil seiner Einkünfte auf das Gemeinwohl verwendete. Die Geste des Abtes Reutter erhielt durch Dorffmaisters Gemälde einen derartigen Nachdruck, daß sie an Wert und Bedeutung den übrigen Szenen der Folge gleichkam. Das Gemälde entstand zwei, drei Jahre nach der Stiftung des Lyzeums und zeigt den Abt und die beiden Zisterzienserlehrer mit dem Anspruch auf porträthafte Treue. 35 Der Abt sitzt in einem Armstuhl auf einer Terrasse, neben ihm stehen seine Ordensbrüder, links hinter ihnen öffnet sich eine Aussicht auf einen Garten mit Gartenpavillon. In der Komposition fällt zwar der Hauptakzent auf die Ordensmänner im Vordergrund, aber die Banalität der Gruppenfügung und die Unsicherheit in der Anordnung des Raumes um den Figuren haben mit dazu beigetragen, daß die Stadtdarstellung im Hintergrund zum malerischen Mittelpunkt des Gemäldes geworden ist. Dorffmaister gestaltete hier das Stadtzentrum von Szombathely mit dem im Bau befindlichen Dom, dem Priesterseminar, dem Bischofspalast und dem nahegelegenen Komitatshaus. Der Platz und die winzigen Gestalten - Bauarbeiter und Steinmetzen bei der Arbeit am Dom, Alumnen des Priesterseminars in Zweierreihen beim Spaziergang, ein Leibeigener, der vor dem Komitatshaus auf die Prügelbank geschnallt wird, ein Prälat unter violettem Sonnenschirm, wohl Bischof Szily selbst, der über die Szene geht - durch grelles Licht hervorgehoben. Der Hintergrund des letzten Bildes der Folge von Szentgotthárd ist eine seltene und ungewohnte Darstellung in der ungarischen Barockmalerei, die innere Ansicht einer Stadt und ihrer Bewohner. Diese Folge war Dorffmaisters letzter großer Auftrag, man könnte sie auch seinen Schwanengesang nennen. Umso mehr, als darin die Absicht zum Ausdruck kommt, die künstlerischen Lehren aus seiner Künstlerlaufbahn von viereinhalb Jahrzehnten zusammenzufassen und seine Fähigkeiten auch in Gattungen zu manifestieren, die beim ungarischen Publikum nicht gefragt waren. So in der Landschaftsmalerei, im Genre und in der Stadtvedute. Als Dorffmaister seine akademischen Studien abgeschlossen hatte, arbeitete bereits in Wien der wirkungsreiche Johann Christian Brand, dessen Landschaften, Genrebilder, Stadt- und Schloßveduten selbständig oder in Nachstichen bei den aristokratischen und bürgerlichen Sammlern sehr beliebt waren. Die Darstellungen im Hintergrund der Szentgotthárder Folge können bezeugen, daß Dorffmaister - wäre in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Nachfrage dafür vorhanden gewesen - die Gattungen der Landschaften, Genreund Städtebilder in Ungarn zu einem frühen Zeitpunkt hätte einbürgern können. Da sie aber als selbständige Darstellungen nicht gefragt waren, übertrug er ihnen im Hintergrund seiner Gemälde die Aufgabe, die historische und topographische Treue anzudeuten oder zu gewährleisten. Diese mit sichtlicher Detailfreude ausgeführten Darstellungen sind gleichsam die frohen „Zugaben" des Malers. Diese Gemäldefolge von Stephan Dorffmaister war eines der modernsten Vorhaben in der 122