„Stephan Dorffmaister pinxit”. Dorffmaister István emlékkiállítása (Zalaegerszeg, 1997)

Galavics Géza: Die Histrienbilder von Stephan Dorffmaister

zent liegt, wie bei den späten Historienbildern in sakralem Raum, auf der Darstellung des Ereignisses selbst. Das Deckengemälde im nächsten Joch zeigt eine wahre Krisensituation. (Abb. 59.) Im Jahr 1046, nach dem Tod von König Peter I. versuchten die heidnischen Ungarn unter der Führung von Fürst Vata die alte Ordnung wiederherzustellen. Sie vertrieben die Mönche und Priester oder metzelten sie nieder und zerstörten die Kirchen. Im rechten Bildrand ist ein solches Ereignis festgehalten. Mit Schwert und Kriegsbeil werden Kirchenmänner überfallen, darunter der heilige Bischof Gerhardus, ein vormaliger Vertrauter des heiligen Königs Stephan. Er liegt bereits auf der Erde, neben dem Wagen, mit dem er vom Berg in die Donau gestürzt wurde. Unter seinen Gefährten sind manche bereits getötet, andere werden eben von den wilden Kriegern ergriffen. Im Zentrum der Komposition steht König Andreas I., der die Heidenrevolte niederwarf, die Priester und Mönche zurückrief, die Kirchen wiederherstellte und die katholische Kirche mit neuen Gaben bedachte. Der König steht vor einem Torbau, die ungarische Krone auf dem Haupt, er überreicht einem Bischof, der vor ihn hintritt, eine Schenkungsurkunde. Am linken Bildrand sind die weltlichen Personen gruppiert, unter ihnen der Baumeister und sein Gehilfe, die zum Wiederaufbau Architekturskizzen verfertigen, um ihnen herum liegen die Instrumente des Bauhandwerks. Das Gemälde auf dem letzten Joch zeigt ebenfalls die Übergabe einer Schenkungsurkunde. (Abb. 60.) Ferdinand III. überreicht sie im Jahr 1648 dem neugegründeten Priesterseminar von Tyrnau, dem Seminarium Generale, oder mit anderem Namen Collegium Rubrorum. Unter einem Baldachinzelt sitzt der Herrscher auf einem Thron mit geschnitztem Wappen, er überreicht den Priestern in roter Soutane, den Vertretern des Seminars, die Schenkungsurkunde. Zu seiner Linken erscheint sein militärisches Gefolge, zu seiner Rechten steht der damalige Erzbischof von Esztergom, György Lippay. Gegenüber den Soldaten blickt eine Gruppe von ungarischen Herren der Szene zu. Ferdinand III. wird in der Kirchengeschichte Ungarns als ein äußerst aktiver Förderer der Gegenreformation angesehen. Er schenkte der Priesterausbildung große Aufmerksamkeit, unter­stützte freigebig die katholische Kirche, so auch das Priesterseminar von Tyrnau, das nach dem Vorbild des römischen Collegium Germanico-Hungaricum von den Erzbischöfen von Esztergom als eine Institution mit landesweiter Befugnis ins Leben gerufen wurde. In der Gegenreformation wurde ihr eine herausragende Rolle zugesprochen, der sie auch entsprach: Die meisten der führenden Gestalten der ungarischen Kirche absolvierten ihre Studien in diesem Seminar. 27 Die Stiftungsszene hat in der Deckenbildfolge doppelte Bedeutung: zum einen hängt sie mit dem Patronat der Kirche zusammen, und ihre Wahl ist innerhalb der Bildfolge am ehesten in der Tradition verwurzelt. Ferdinand III. schenkte dem Seminar jenes Gut der Propstei von Óbuda, zu dem auch Kiskomárom gehörte. So fand das Domkapitel von Esztergom, der damalige Begünstigte der anderthalb Jahrhunderte zuvor geübten Geste, in der Themenwahl die Legitimation seiner Anwesenheit in Kiskomárom. Die andere Bedeutung des Bildes bringt, ähnlich den Kompositionen der Darbringung der Krone und der Wiederherstellung des Chris­tentums in Ungarn, politische Aktualitäten zum Ausdruck. Durch diese Bilder konnte das Domkapi­tel von Esztergom, eine der führenden Körperschaf­ten der katholischen Kirche von Ungarn, mit den Mitteln der spätbarocken Deckenmalerei in Fragen zum Verhältnis von Staat und Kirche Stellung beziehen. In den Fresken von Kiskomárom stellte es den Zeitgenossen Könige als Vorbilder hin, die in ihrer Zeit der katholischen Kirche mit wirkungs­vollen Gesten Beistand geleistet hatten: den ersten König der Ungarn, den heiligen Stephan, der das Christentum einführte und sein Land der Obhut der Madonna empfahl, Andreas I., der Kirchen und Klöster wiederherstellte und sie förderte, und Ferdinand III., der die Priestererziehung in die Hand der Erzbischöfe von Esztergom legte und sie unterstützte. Das sind eindeutige Hinweise auf die Kirchenpolitik Josephs II. und deren Folgen: auf die Auflösung uralter Klöster, auf die Aufhebung der Diözesanseminare und die Zentralisierung der Priestererziehung. Das sind die gleichen Besch­werden, die auch am Domaltarbild Bischof Szilys zum Ausdruck kamen. Nur daß in Szombathely das Publikum auf dem Bild sich selbst erkannte und so dem Werk eine aktuelle Bedeutung gab, während in Kiskomárom, im kleinen Dorf im Süden des Komi­tats Zala, wohl nur sehr wenige die feinen Anspie­lungen des Bildprogramms verstanden. Bezüglich der Wirkung der Fresken auf das einstige Publikum verfügen wir über gar keine Angaben. Unter all den Historienbildern Dorffmaisters ist eine einzige vorbereitende Studie zu einer Kompo­sition erhalten, ein Ölbozzetto zu „Andreas I. stellt das Christentum in Ungarn wieder her" im Stadtmuseum von Sopron. 28 (Kat. Nr. 41, Abb. 61.) Die Komposition war bereits in der Skizze voll ausgereift, im Deckengemälde hat der Meister nur die inneren Proportionen etwas abgewandelt, zum Beispiel durch die Vergrößerung der Szene mit den wilden heidnischen Ungarn, der in der Dramaturgie des Bildes eine wichtige Rolle zukommt. Der 119

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