K. Palágyi Sylvia szerk.: Balácai Közlemények 2005/9. (Veszprém, 2005)

CZYSZ, WOLFGANG - SCHOLZ, MARKUS: Ein Opferdepot in der Römervilla am Kühstallweiher bei Marktoberdorf-Kohlhunden

Glätten von Wachsschreibtafeln, aber auch zum Schaben von Pergamentblättern hergenommen wird und ein Federmesser; die Rohrfeder selbst hat sich freilich nicht erhalten. Über Opferhandlungen wurde in vielen Kultgemeinschaften Buch gefuhrt oder eben diese Rituale nach Textvorlagen gestaltet. Zwei an den Spitzen gelochte, fingerlange Knochendreiecke könnten mit der Verschnürung von Schriftrollen oder Wachstafeln zusammenhängen. Die „rituellen Gaben und Geschenke" waren in der Antike die übliche Form der Kommunikation zwischen Menschen und Göttern. Sie wurden entweder als Vorleistung für erwartete Wohltaten gestiftet oder sie waren Bestandteil eines gemeinsamen Kultmahls (convivium), bei dem die „anwesenden Göttern" als Ausdruck der Gastfreundschaft iure et vino, mit Weihrauch und Wein, bewirtet wurden. Dazu hat man die Opfergaben üblicherweise auf einem Stuhl oder einem Bett (sellisternium, lectisternium) angerichtet und den Gottheiten präsentiert. Danach waren sie für die Menschen nicht mehr brauchbar und wurden in einer Grube „beigesetzt". Kein Zweifel: Der Fund von Kohlhunden ist weniger wegen seiner ungewöhnlich guten Erhaltung, sondern wegen seiner religionsgeschichtlichen Bedeutung außerordentlich interessant. Er ist aber auch siedlungshistorisch bemerkenswert, weil er einen engen Zeitausschnitt in der Mitte des 3. Jahrhunderts widerspiegelt, der selten so geschlossen im archäologischen Fundbild Südbayerns hervortritt. Damals war die ländliche Besiedlung heftig in Unruhe geraten: Germanenstämme aus dem Elbegebiet drangen immer weiter und immer häufiger über den Limes nach Raetien und über die Alpen bis in die Poebene vor, belagerten die reichen oberitalischen Städte und plünderten die Dörfer. Eine Generation später wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe fassbar: Viele Bewohner der Gutshöfe waren ums Leben gekommen oder auf der Flucht. Nach fast 150 Jahren stiller Entwicklung brach die Wirtschaft zusammen, Kriege bestimmten fortan das Leben in der Provinz. Damals geriet das römische Weltreich zum ersten Mal in seiner 1 000jährigen Geschichte ins Wanken. Welcher Gott passte da besser als gerade der starke, siegreiche Hercules, „Nothelfer" in schwerer Zeit? LITERATUR CZYSZ, W. / TSCHOCKE, D.: Die Römervilla am Kühstallweiher bei Kohlhunden. Arch. Jahr Bayern 2002. (2003) 72-73. CZYSZ, W. / SCHOLZ, M.: Götterspeise - Ein Opferdepot am Rand der Römervilla von Kohlhunden. Arch. Jahr Bayern 2002. (2003.) 74-78. - Beispiele ähnlicher Opferdepots mit Graffiti sakralen Inhalts: WIBLÉ, F.: Le mithraeum de Forum Claudii Vallensium/Martigny (Valais). Arch. Schweiz 18/1. 1995. 2-15. NICKEL, C: Gaben an die Götter. Der gallo-römische Tempelbezirk von Karden. Montagnac 1999. 144 ff. FINGERLIN, G.: Ein religionsgeschichtlich interessanter Befund aus dem Gewerbegebiet der römischen Siedlung von Lahr-Dinglingen, Ortenaukreis. Arch. Ausgr. Baden-Württemberg 1998. 189.

Next

/
Oldalképek
Tartalom