Vadas Ferenc (szerk.): A Wosinszky Mór Múzeum Évkönyve 15. (Szekszárd, 1990)
Die Awaren und ihre Beziehungen zu anderen Völkern - Walter Pohl: Historische Überlegungen zum awarisch-byzantinischen Austausch
ren - Nachbarn in weitem Raum in diesem Sinn geregelt. Als die Awaren kamen, bemühten sie sich sofort um einen Vertrag mit dem Kaiser; kaum je hatte ein Volk sich so beeilt, seine Beziehungen zu den Römern vertraglich zu regeln. Die Awaren erwiesen sich als Meister darin, für sich das äußerste aus diesem System herauszuholen. Das Wechselspiel von Drohung und Angriff, Verhandlung und neuem Vertragsabschluß entsprach völlig der Logik des Systems, wie es sich im Lauf der Jahrhunderte herausgebildet hatte. Diese Spielregeln haben die Awaren nie wirklich überschritten (am ehesten beim Angriffauf Konstantinopel 626); beide Partner bedurften des anderen, und keiner hatte ein Interesse daran, den anderen wirklich zu vernichten. Man kann daher davon ausgehen, daß der Austausch zwischen den Awaren und Byzanz unter geregelten Rahmenbedingungen ablief (wobei gelegentliche Gewaltanwendung, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad, in diesem Spiel einkalkuliert war). (POHL 1988, 205ff.) Was wurde in diesem politischen Rahmen tatsächlich getauscht? Auf den ersten Blick mag man den Eindruck haben, daß es sich um eine sehr einseitige Angelegenheit handelte. Der Wert der römischen Zahlungen war beträchtlich: bis zu 200 000 Goldsolidi im Jahr; insgesamt lassen sich zwischen 558 und 626 Zahlungen von etwa 6 Millionen Solidi nachweisen oder wahrscheinlich machen. (Pohl 1988. 502 (Tabelle). Ein Solidus wog etwa 4,5 g, doch waren teilweise auch etwas leichtere Münzen in Gebrauch.) Diese „Jahrgelder" (die byzantinischen Quellen verwenden meist den neutralen Ausdruck „chremata", Gelder) wurden nur teilweise in Münzen ausgezahlt. „Goldverzierte Ketten, Ruhebetten, Seidenkleider und viele andere Gaben" oder „goldene Ketten", wie zur Fesselung Flüchtiger gemacht. „Ruhebetten und viele andere Gegenstände einer höheren und verfeinerten Kultur" erwähnt Menander in den ersten Jahren nach dem Auftreten der Awaren, ein andermal „Gold und Silber, Gewänder und Gürtel, goldene Sättel und anderes". (Menander EL 442-45 und 456.) Bei Theophylakt ist von einer silbernen Platte, Gold, einem skythischen Überkleid, einem goldverzierten Bett, Gewürzen und einmal sogar von einem Elefanten die Rede (den der Khagan allerdings wieder zurückschickte). (Pohl 1988,180.) Dabei dürfte es üblich gewesen sein, daß die awarischen Gesandten, die in Konstantinopel die Jahrgelder abholen kamen, um einen Teil der Summe selbst einkauften - Waffen etwa. Das war, wie schon erwähnt, um 563 der Fall; und etwa zwanzig Jahre später erwähnt Theophylakt in einer etwas undeutlichen Formulierung, daß awarische Gesandte die vereinbarte Summe „di'emporias", durch oder vermittels Handel, erhielten. (Theophylakt, 1, 3, S. 45.) Gegengaben oder Geschenke der Awaren an Byzanz werden nicht genannt. Das ist deswegen auffällig, weil chinesische Berichte der gleichen Zeit solche Gegengeschenke sehr wohl erwähnen. Das Verhältnis zwischen den chinesischen Kaisern und den Türken ist im übrigen durchaus mit dem awarischbyzantinischen vergleichbar; die Chinesen mußten sich zu hohen Leistungen verpflichten, die vor allem in Seide (oft 100 000 Ballen oder mehr) bestanden. Doch revanchierten sich die Türken gelegentlich mit Pferden (oft Tausende Tiere, wenn man den chinesischen Chroniken glauben will), teils auch Kamelen, Rindern oder Schafen, manchmal sogar mit kostbaren Gegenständen wie einer edelsteinverzierten Schale (im Jahr 591) oder einem Jadestab (593). (LIU 1958,402ff.) Daß awarische Gesandte Gastgeschenke an den Kaiserhof mitbrachten, war zwar wohl üblich; doch wird das kaum ein wesentliches Gegengewicht zu den byzantinischen Leistungen gewesen sein. 92