A Nyíregyházi Jósa András Múzeum évkönyve 45. (Nyíregyháza, 2003)
Néprajz - Ákos Janó: Geselligkeitsbräuche, lebendige Folkloretraditionen Mitte des 20. Jahrhunderts in Szatmár. Die Spinnstube
Janó Ákos Geselligkeitsbräuche, lebendige Folkloretraditionen Mitte des 20. Jahrhunderts in Szatmár Die Spinnstube Szatmár, das Gebiet, auf das sich unsere Forschungen erstreckten, ist eine in dieser Form von der ehemaligen größeren Verwaltungseinheit, dem Komitat Szatmár des historischen Ungarn, innerhalb der heutigen ungarischen Landesgrenzen übrig gebliebene Kleinregion. Durch ihre Abgeschiedenheit und Isoliertheit haben die Menschen im nordwestlichen Zipfel des Landes die traditionelle Lebensform und deren Gebräuche bis in die jüngste Zeit bewahrt. Noch in den 1950er Jahren pflegten die Bewohner der Dörfer den Anbau und die Verarbeitung von Hanf als lebendigen Brauch. Zu der Zeit bereisten wir einen großen Teil dieser zu Ungarn gehörenden Gegend, um die Traditionen der mit dem Anbau und der Verarbeitung von Hanf einhergehenden Gemeinschaftsarbeiten und Geselligkeiten zu erforschen und die Ergebnisse unserer Forschungen zu veröffentlichen. Der erste Teil der Studie, (JANÓ 1983.) enthielt als ein Detail der Aufarbeitung des Themas die arbeitsorganisatorischen Formen der Spinnstube. Nicht vergessen darf man darüber hinaus jedoch das Geselligkeits- bzw. kulturelle Erbe dessen, seine volkstümlich-literarischen bzw. lyrischen Bezüge sowie die Äußerungen der volkstümlichen Glaubenswelt und kultischen Handlungen, welche die charakteristischsten Ausdrucksformen des Lebens der ehemaligen bäuerlichen Gemeinschaften waren. Mit unserer Studie huldigen wir dem Andenken unseres vor zehn Jahren verstorbenen Freundes und Kollegen, des Ethnographen Péter Morvay, der eine Reihe ähnlicher Arbeiten im Interesse des Kennenlernens und der Bewahrung der Folkloretraditionen angeregt und mit nützlichen Ratschlägen unterstützt hat. In der Spinnstube waren Frauen und Mädchen stets darauf bedacht, neben der Arbeit - wie bei anderen Anlässen geselligen Beisammenseins - auch die Unterhaltungsmöglichkeiten auszunutzen. Während die Mädchen überall nach fröhlichem Zeitvertreib suchten, das Singen und Tanzen, das Erzählen von kurzen, witzigen Begebenheiten oder Liebesgeschichten, das Lösen von Rätseln und die verschiedenen Spiele liebten, bevorzugten die Frauen eher längere Erzählungen, Märchen und mystische Geschichten. Neben den alltäglichen und aktuellen Gesprächsthemen hatte sich in der Spinnstube ein spezieller Themenkreis herausgebildet, bei dem es in der Hauptsache um die Arbeit selber, um Hanfanbau und die verschiedenen Phasen seiner Aufarbeitung ging. In den Geschichten verbargen sich sehr häufig moralische bzw. disziplinarisch-erzieherische Absichten, Ereignisse des Alltagslebens erhielten einen mystischen Inhalt und vermischten sich mit den Motiven der Glaubenswelt. Typische Geschichten der Spinnstuben waren solche, in denen Männer karrikiert bzw. die Ehemänner als naiv und lächerlich hingestellt wurden. Ähnlichen Spott mussten sich als kokett oder mannstoll geltende junge Mädchen gefallen lassen. Zu den beliebtesten Unterhaltungen in Spinnstuben gehörte das Erzählen und Anhören von Märchen. Meist forderte man Ältere auf, Märchen zu erzählen, denen man achtungsvoll und andächtig lauschte. Dann war es ungeziemend, sich mit etwas anderem zu beschäftigten, auch die Mädchen hörten mit dem Spinnen auf. In größeren Spinnstuben mit Tanz wurde für die Dauer eines Märchens sogar das Tanzen eingestellt, und die Männer legten solange ihre Karten nieder. Die Spinnstubenmärchen spiegelten die ganze Gedankenwelt des Dorfes und seinen Märchenschatz wider, der zu etwa 65% aus Feenmärchen bestand. Daneben erzählte man sich Tiermärchen sowie Geschichten mit historischer und religiöser Thematik. 176