A Nyíregyházi Jósa András Múzeum évkönyve 6-7. - 1963-1964 (Nyíregyháza, 1965)
Erdész Sándor: Die Ballade von der „Gelben Schlange” von Nyírbátor
DIE BALLADE VON DER „GELBEN SCHLANGE" Im Dezember 1962 verbrachte ich längere Zeit in der kleinen Stadt Nyírbátor (im Komitat Szabolcs-Szatmár) ,wo ich Gelegenheit hatte, das traditionelle Material der Märchenerzähler der Zigeunersiedlung auf Tonband aufzunehmen. Der Ziegelstreicher Géza Pataki übermittelte die meisten Angaben; er sprach, bezw. sang 33 Volksmärchen, Sagen und sechs Vollksballaden in das Tonbandgerät. Auffallend war, dass sich in den völkischen Traditionen der Zigeuner von Nyírbátor eine alte Schicht ausgesprochen ungarischen Märchen- und Balladenmaterials nicht verkennen lässt. Die von Géza Pataki vorgetragene „Es war einmal ein riesig reicher Mann" betiltelte Ballade handelt davor, dass drei Brüder mit dem Fuhrwerk zum Hétiháter Meierhof fuhren, denn dort wohnte eines jeden Liebste. Unterwegs wird der Jüngste vom Wagen heruntergestossen. Er schläft im Busch ein und eine gelbe Schlange kriecht in seinen Busen. Er läuft zu seiner Mutter, zum Vater, zum Bruder, zur Schwester, aber niemand hat den Mut, die Schlange hervorzuholen. Schliesslich läuft er zu seiner Liebsten, die die Schlange herausreisst und auf den Tisch wirft. Die Schlange verwandelt sich in pures Gold. Sie kaufen ein Schloss, heiraten und die Hochzeitsfeier dauert zwei Wochen lang. Die Eltern des Junges besuchen das junge Paar. Der Sohn verstösst die treulosen Eltern aus dem Schloss. — Erich Pohl befasste sich mit den internationalen Beziehungen dieses Balladentyps. Bis nun sind zwei publizierte ungarische Versionen bekannt. Die nächststehenden Versionen der von Géza Pataki vorgetragenen Ballade stammen sämtlich aus Siebenbürgen bzw. einem Siebenbürgen benachbarten Gebiet. Die Vorfahren Géza Pataki Hessen sich zu Beginn des. 19. Jahrhunderts in der Stadt nieder. Die Zigeuner befassten sich damals mit Ziegelstreicherei, sie waren Schmiede, Schlosser, Siebmacher oder Rohrbinder. Die wachsende Stadt benötigte die Arbeit der Zigeuner-Handwerker. Damals gliederten sich die Zigeuner der Kleinstadtsozietät ein, ihre Sprache geriet in Vergessenheit. Zusammen mit der ungarischen Sprache übernahmen sie die ungarische Volkskultur und auch die völkischen Traditionen. Infolge der kapitalistischen Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Zigeuner an den Stadtrand verdrängt, ihre kulturelle Entwicklung stockte. Dazu kam noch, dass die handgewerblichen Erzeugnisse der Zigeuner mit den billigeren Fabrikswaren nicht Schritt halten konnten. Die von der Stadtbevölkerung isolierten Zigeuner bewahrten und pflegten ihre Traditionen, welche ursprünglich Überlieferungen der Ende des 18. — Anfang des 19. Jahrhunderts in Nyírbátor lebenden ungarischen Bevölkerung waren. Die Sozietät der Bauern von Nyírbátor ist seit Ende des vorigen Jahrhunderts geschult, sie wurde zu zeitungslesendem, später zu radiohörendem Publikum, welches sich immer weniger um die alten Traditionen kümmerte. Die Bewohner des Zigeunerviertels von Nyírbátor jedoch bewahren die 150— 200 Jahre alten Volksüberlieferungen ausdauernd bis zum heutigen Tage. S. Erdész 121