Szabó István: Fejezetek az észt kultúra történetéből – A Jász-Nagykun-Szolnok Megyei Múzeumok közleményei 53. (1995)
Die Geschichte der nationbewahrende Rolle der Kultur in Estland (19-20. Jahrhundert) Bei den Esten, bei unserem finno-ugrischen verwandten Volk, bildete sich die politische Nation, der Nationalstaat im 20. Jahrhundert direkt aus einem jahrhundetelangen ethnischen Zustand aus. Da es früher die Bedingung, zu einem Staat zu werden, überhaupt nicht gab, da die Esten keinen Adel, keine Aristokratie, kein Bürgertum hatten, mußten sie das mit einer bewußten Arbeit, durch die Kultur schaffen. Diese Studie gibt ein Beispiel dafür, wie große Kraft die Volkskultur hat; mit ihrer Hilfe kann sich eine Staatlichkeit ausbilden, bei der das Ethnikum nicht alle Phasen der Entwicklung mitmacht, sondern laß es einige aus, und wird auf diese Art zu einer Nation. Bei den Esten entstand der Nationalstaat im europäischen Sinne fast sofort aus einer sogar doppelt unterworfenen Bauerngesellschaft. Damit das im Jahre 1918 so schnell geschehen konnte, mußte das Nationalbewußtsein schon früher entwickelt werden. Das ist der Tätigkeit vieler Generationen der Intelligenz zu danken, die die Volkskultur als Grund dazu betrachteten. Ich betrachte die estnische Kultur als eine Kultur, die sich im Grunde genommen auf die Volkskultur stüzt, die aber gleicherzeit aus diesem Grund die europäischen Bildungsströmungen, darunter auch die modernsten zeitgenössischen Strömungen, erreichen konnte. Deshalb hat sie einen Charakter: die volkstümlichen Bestimmtheit. Er zeigte sich früher auch in seinen äußeren Merkmalen, vor allem in der bildenden und Gewerbekunst, später beschränkte er sich immer mehr auf eine innere Haltung und Geistigkeit. Auch bei anderen Nationen wurde die Volkskultur in die höhere Kultur aufgesaugt, und eben das verleiht schließlich den Werken der hervorragenden Künstlerpersönlichkeiten einen nationalen Charakter neben ihrem allgemeinen Wert (dadurch wird Haydn österreichisch, Mussorgski russisch, Dvorak böhmisch, Bartok ungarisch). All das geschah bei den Esten anders, nicht so organisch, aber viel intensiver. Die Esten begangen einen anderen Weg, ihre Kultur ist anders volkstümlich, volksartig, bzw. charakteristisch, als z.B. die österreichische, deutsche oder französische Kultur. Obwohl die estnische bürgerliche Kunst ziemlich spät entstand, konnte sie sich eben wegen ihrer Verknüpftheit zum Volk, wegen der bewußten und konsequenten Verarbeitung ihrer eigenen Werte den Nationen mit großer und 209