Arrabona - Múzeumi közlemények 7. (Győr, 1965)
Balázs P.: Tagebuch eines deutschen Bürgers aus Győr aus den Jahren 1848–49
TAGEBUCH EINES DEUTSCHEN BÜRGERS AUS GYÖR AUS DEN JAHREN 1848—49 Die Besprechung der ersten Tagebuchhälfte erschien im Band 1964 des Jahrbuchs „Arrabona" und brach bei den Oktoberereignissen 1848 — dem Durchmarsch der von Jellachich befehligten Truppen durch Győr — ab. Die vorliegende Fortsetzung schildert die Ereignisse bis Ende 1849. In der Schlacht an der Schwechat nahmen auch Mitglieder der Nationalgarde von Győr teil, (die Teilnahme hatte das Los entschieden.) Ihre Reihen gerieten ins Wanken und wurden in die Flucht geschlagen. Der Schreiber des Tagebuchs billigte die strenge Verordnung der Regierungskomissare László Csányi und Sándor Lukács nicht, daß den geflüchteten Nationalgardisten strafweise die Waffen genommen werden sollen. Als nach der verlorenen Schlacht die Verteidigung der Stadt Győr organisiert wurde, fügte sich die wohlhabende Bürgerschaft nur widerwillig den entschiedenen und energischen Anordnungen von S. Lukács und erörterte mit Schadenfreude die Fehlschläge seiner Maßnahmen, die sie zum Teil eigentlich selbst durch ihre Renitenz oder durch die nur scheinbare Befolgung seiner Verfügungen verschuldet hatten. Am 27. Dezember 1848 eroberten die kaiserlichen Truppen die Stadt. Die Kommandanten hielten den Schreiber des Tagebuchs für einen zuverlässigen Mann, es ist ihm kein Haar gekrümmt worden, er behielt sein Amt und arbeitete pflichttreu weiter. Seine Aufzeichnungen zeugen, daß die Vergeltungsmaßnahmen der kaiserlichen Komissare, ihr Mißtrauen den Stadtbewohnern gegenüber und die Beleidigungen, die die Bevölkerung zu erleiden hatte, ihn tief enttäuschten und seinen Unmut erweckten. Am 1. Mai rücken die ungarischen Truppen in Győr ein, aber nach der Schlacht am 28. Juni gelangt die Stadt wieder in die Hände der Österreicher. Die in den Tagen zwischen dem 5—16. August aus Komárom ausgebrochenen Truppen von György Klapka befreien zwar die Stadt, aber danach lastet die Willkür der kaiserlichen Regierung umso schwerer auf der Stadt. Der Autor der Studie erörtert die Haltung des Tagebuchschreibers und weist darauf hin, daß es sich hier eigentlich um die Haltung der ganzen wohlhabenden Bevölkerungsschichte handelt, wo eigentlich die Muttersprache bei der Ausgestaltung der Sinnesart und Weltanschauung keine wesentliche Rolle spielte. (Es blieb auch das Tagebuch der Gattin eines ungarischen Getreidehändlers erhalten, die im wesentlichen die gleichen Ansichten hatte, wie der deutsche Bürger, die aber trotz ihrer ungarischen Muttersprache nach Österreich flüchtete, wenn kriegerische Truppenkonzentrationen die Stadt bedrohten, bei der aber die Besorgnis um die Stadt nur eine untergeordnete Rolle spielte, weil sie alles vom spekulativen, geschäftlichen Standpunkt aus betrachtete.) In den Augen des Tagebuchschreibers aber ist Győr ein kleines Reich, für das er aufopfernd arbeitet und kämpft, gleich ob es sich um das Bestehen der Stadt oder das Leben seiner Mitbürger handelt, und von welcher Seite auch die Gefährdung droht. Dieser Lokalpatriotismus ist der auffallendste, gleichzeitig aber auch der verehrungswürdigste Wesenszug dieses Mannes. (Im Interesse der Stadt widersetzt er sich S. Lukács, als dieser zum Geld der Waisen greifen will und sein Solidaritätsgefühl hält ihn davon ab, dem kaiserlichen Komissar Apponyi Auskunft über die Bürger zu geben, die sich während der Revolution „kompromittiert" hatten.) Bei einer Untersuchung der politischen Haltung des deutschen Bürgers gelangt der Verfasser zu der Folgerung, daß dieser sich zu Beginn zu den Gesetzen von 1848 bekannte, die die bürgerliche Umgestaltung und die nationale Selbständigkeit der Nation anstrebten, mit dem revolutionären Schwung aber nicht mehr Schritt halten konnte, aber auch nicht wollte; somit gehörte er jener schwerfälligen Schichte der Stadtbewohner an, die sich den außerordentlichen Verordnungen der Komissare ständig widersetzten, und sich auf die Autonomie der Stadt berufend, bestrebt waren, die Verordnungen der Komissare zu hintertreiben. Die Errungenschaften der Märzrevolution, und ein ungestörtes Zusammenwirken mit den Wiener Regierungskreisen waren die Grundpfeiler seiner politischen Ansichten, an denen er festhielt, an deren Verwirklichung er aufrichtig glaubte, insofern beide Seiten dies wollten. Deshalb mißbilligte er bereits zu Beginn des Jahres 184£ die Tätigkeit der Radikalen und verurteilte die Handlungsweise von Sándor Lukács und Otto Zichy. Später nannte er Lukács „unseren Bevollmächtigten", den Robespierre von Győr. Von den durch die Radikalen aktivisierten Volksmassen, besonders aber von den „Proletariern" hielt er sich stets fern, und blieb dieser Anschauung auch nach der Niederschlagung des Freiheitskampfes treu. P. Balázs