Fülöp Gyula (szerk.): Festschrift für Jenő Fitz - Szent István Király Múzeum közleményei. B. sorozat 47. (Székesfehérvár, 1996)
T. Pekáry: Bevölkerungsrückgang im Römiscen Kaiserreich? zu Aussagen Antiker Autoren
haben früher berüchtigte Einöden vergessen machen, Ackerland hat Waldgebiet gezähmt, Haustiere haben die wilden Tiere vertrieben, Sandwüsten werden besät, Felsen werden bepflanzt, Sümpfe ausgetrocknet; soviel Städte gibt es wie ehemals nicht einmal Hütten. ... Überall sind Häuser, überall ist das Volk, überall die Staatsgewalt, überall Leben“'31*. Es wurde darauf hingewiesen, daß diese Schrift nicht an den Kaiser gerichtet ist, also keine panegyrischen Elemente enthalten muß (‘Während alle anderen in Euren sehr glücklichen Zeiten, Ihr gewissenhaftesten und glücklichsten aller Kaiser, die je geherrscht haben, ein ruhiges und friedvolles Leben führen, ...’)(351. Wie erklärt sich also der Widerspruch zu den oben erwähnten Plutarch- und ähnlichen Stellen und zum zitierten Payrus? Soll seit Plutarch’s Zeiten trotz der Pest unter Mark Aurel eine massive Bevölkerungszunahme stattgefunden haben? Oder bewegte sich die Bevölkerungsentwicklung in der Africa proconsularis in ganz anderer Richtung als in Griechenland oder Ägypten? Aber Tertullian spricht ja nicht von seiner Heimat Karthago, sondern vom ganzen Erdkreis. Außer Tertullians Bemerkungen gibt es allerdings kaum Hinweise auf eine Bevölkerungsexplosion im römischen Reich des 2. Jh. n.; die Papyri sprechen, jedenfalls was Ägypten betrifft, eine ganz andere Sprache; und die Ansicht, im 2. Jh. n. herrschte im ganzen römischen Reich Friede, Ruhe, Sicherheit und Wohlstand, wie es die eindeutig rhetorisch-panegyrische Romrede des Aelius Aristides suggeriert, enspricht kaum der Wahrheit: jedenfalls gab es zahlreiche Unruhen und Aufstände136'. Es ist wohl am besten, man schenkt weder Plutarch und Dio von Prusa, noch Tertullian allzuviel Glauben. Man lese einmal Plutarch’s Text, und nicht nur die erwähnte Stelle. Es geht um die Frage, warum die einst berühmten Orakel heute schweigen oder nur mehr selten Auskünfte erteilen. Die Götter können laut Plutarch daran keineswegs schuld sein; also müssen die Menschen herhalten. Da man davon nicht ausgehen kann, daß sich die Menschen wegen falscher Sprüche von Göttern betrogen fühlen und deshalb die Orakelstätten nicht mehr frequentieren, bleibt nur der Menschenschwund übrig. Also wird er vorausgesetzt und verallgemeinert. Somit wird Plutarch’s Text relativiert. Bevölkerungsschwund soll ein religiöses Phänomen erklären; irgendwelche konkrete Angaben fehlen. Bei anderen Texten wird es kaum anders sein. Konkrete statistische Analysen dürfen nirgends zu erwarten sein, es sei denn, es handelt sich um Steuerdokumente, doch davon gibt es leider viel zu wenig; sie sind fast ausschließlich auf Ägypten beschränkt. Sie sagen übrigens nichts von der Bevölkerungsentwicklung in den Städten aus. Trotz allem wird man, glaube ich, davon ausgehen können, daß die besonders seit Mark Aurel beginnenden Kriege, die oft auf mehreren Fronten gleichzeitig’geführt wurden und im 3. Jh. zur Brandschatzung und Verwüstung zahlreicher Provinzen ge(34) Tertull. de anima 30, 2, in der Übersetzung von G. Schöllgen, Ecclesia sordida? 1984, 33. (35) Brief an Kaiser Philippus Arabs, CIL III 14191 = OGIS 519; Übersetzung M. Rostovtzeff, Gesellschaft und Wirtschaft II, 365 und H. Freis, Historische Inschriften zur römischen Kaiserzeit, 1984, 234, Nr. 145. (36) Th. PekáRY, Seditio. Unruhen und Revolten im römischen Reich von Augustus bis Commodus, Ancient Society 18, 1987, 133 ff. (37) 3. Sünskes Thompson, Aufstände und Protestaktionen. Die severischen Kaiser im Spannungsfeld innerpolitischer Konflikte, 1990. (38) M. Back, Die sassanidischen Staatsinschriften, 1978. (39) H-J. Drexhage, Zur Preisentwicklung im römischen Ägypten, Münstersche Beiträge zur antiken Handelsgeschichte VI/2, 1987, 30 ff. führt haben, ferner die seit 193 immer häufiger auftretenden inneren Kriege zwischen verschiedenen Thronprätendenten zu großen Bevölkerungsverlusten führen mußten. Die Zahl der Aufstände und Protestaktionen nehmen unter den severischen Kaisern erheblich zu, sowohl in Italien als auch in den Provinzen, beim Militär und bei der Zivilbevölkerung'371. Wenn König Shapur I in seiner großen Siegesinschrift, in den ‘res gestae divi Saporis’ darüber berichtet, daß er römische Kriegsgefangene in Iran, Persis, Parthien, Khusistan, Babylonien und anderswo angesiedelt hat, so zeigt dies, trotz möglicher Übertreibungen, welche Menschenopfer Roms auswärtige Kriege gekostet haben können'34 35 36 37 38 39*. Zu alledem kam dann seit etwa 250 die erwähnte große Pest mit anscheinend viel höheren Menschenopfern, als die unter Mark Aurel. Dazu gesellte sich ein wirtschaftlicher Niedergang mit einer Geldentwertung, deren Kulmination nach neueren Forschungen in den Jahren um 270 n. anzusetzen ist139’. Diese Entwicklung wird, wie man aus neuzeitlichen Analogien schließen kann, die Existenzgrundlage vieler Familien zerstört haben. Auch die römische Steuerpolitik, die die Steuern der Verstorbenen und Geflüchteten auf die Zurückgebliebenen umgesetzt hat, muß zu Wüstungen geführt haben, deren Ausmaße freilich umstritten sind'10’. Welche Ausmaße der mögliche Bevölkerungsrückgang in der 2. Hälfte des 3. Jh. genommen hat, werden wir natürlich ebensowenig erfahren, wie die genauen Zahlen anderer Bevölkerungsentwicklungen in der Antike (oder im Mittelalter). Wenn drei verschiedene Panegyristen unter Konstantin fast gleichlautend von großen Wüstungen in Gallien und teilweise anderswo berichten, so kann das ebensogut die Wahrheit sein als rhetorische Übertreibung, die die äußerst erfolgreiche Siedlungspolitik des Kaisers ins rechte Licht rücken soll'11’. Und selbst wenn die Festredner diesmal tatsächlich die Wahrheit berichtet haben sollten: was für Folgerungen könnte man daraus auf andere Provinzen oder Gebiete ziehen? Die römische Ansiedlungspolitik beginnt ja schon unter Augustus und wird unter Nero fortgesetzt.'121 Die römerzeitlichen Schriftquellen lassen uns, wie in vielen anderen Fällen auch'13’, bei der Beurteilung der Bevölkerungsentwicklung weitestgehend im Stich. Es ist nicht möglich, aus ihren Aussagen sichere Schlüsse auf eine Entvölkerung zu ziehen. Dennoch bleibt der generelle und häufig erwähnte Eindruck bestehen, daß wir mit einem Rückgang zu rechnen haben, der in Italien möglicherweise bereits in der Spätrepublik einsetzt, anderswo, wie in Ägypten, in der zweiten Hälfte des 2. Jh. n. Chr., wiederum anderswo wohl erst im 3. Jh. Wie weit die blutigen Christen Verfolgungen, besonders unter Traianus Decius, zahlenmäßig ins Gewicht fallen, läßt sich wegen des fehlenden Quellenmaterials ebenfalls nicht ermitteln. Man wird weiterhin auf Hypothesen angewiesen bleiben. (40) C. R. Whittaker, Agri deserti, in: M. I. Finley (hrsg.), Studies in Roman Property, 1976, 137 ff. (41) XII Paneg., paneg. 4 (J. 297) 1; 9; 21. Pan. 7 (J. 310), 6. Pan. 8 (J. 312), 6 f. (42) Augustus in Moesien, Strab. 7, 3, 10 (303); Nero in Moesien (angeblich 100 000 Personen) ILS 986, usw. (43) M. I. Finley, Ancient History. Evidence and Models, 1985. Deutsch: Quellen und Modelle in der alten Geschichte, 1987, bes. Kap. II ; vgl. auch Th. Pekáry, Unkonventionelle Gedanken zur römischen Geschichtsschreibung, in: Geschichte und Geschichlsbewußtsein Festschr. K.-E. Jeismann, hrsg. P. Leidinger und D. Metzler, 1990, 61 ff. 83