H. Tóth Elvira - Horváth Attila: Kunbábony (Kecskemét, 1992)

XII. Anhang

sichtbar. Die montierte Halswirbelsäule zeigt keine physiologische Lordose sondern eine Kyphose, die Wirbelkörper liegen nahezu vertikal übereinander. Über diese Kyphose hinaus kann man eine nach links konvexe Skoliose milden Grades mit einem Maximum auf der Ebene des 5. Halswirbels beobachten (Tafel 8). Die intervertebralen Spalten zwischen den Wirbel­körpern der 2., 3. und 4. Halswirbeln sind nicht ver­engt, zwischen den Wirbelkörpern des 5. und 6. Halswirbels zeigt sich jedoch eine durch die Degene­ration der Zwischenwirbelscheibe entstandene Ei­nengung. Am vorderen Rand der spondylitisch ver­formten Wirbelkörper finden sich Osteophyten, von denen einer den knöchernen Durchbau der linken Seiten der Wirbelkörper 6 und 7 zur Folge hatte (Tafel 7, unteres Bild). ERKLÄRUNG DER PATHOLOGISCHEN VERÄNDERUNGEN DER WIRBELGELENKE Der symmetrische knöcherne Durchbau des 2., 3. und 4. Halswirbels im Bereich der Wirbelgelenke kann nicht auf eine Degeneration der Zwischenwir­belscheibe zurückgeführt werden, da die interverte­bralen Spalten normale Größe zeigen. Auch ein Trau­ma als Ursache dieser Veränderungen kann nicht nachgewiesen werden, die Symptomatik entspricht eher einer Spondylarthritis (Gömör und Bálint 1989), diese Ätiologie kann jedoch aufgrund des Fehlens der übrigen Elemente des Achsenskelettes nicht verifi­ziert werden. Die pathologischen Veränderungen der Wirbelkörper und -gelenke des 5. und 6. Halswirbels müssen jedoch als Folgen einer Degeneration der Zwischenwirbelscheibe (Spondylosis) betrachtet wer­den. In diesem Bereich sind die Foramina interverte- bralia besonders auf der linken aber auch auf der rechten Seite stark eingeengt (besonders Foramen intervertebrale 4, 5 und 6). Eine Einengung dieser Art hat eine Irritation der Nervenwurzeln und cervicobra- chiale Syndrome (mit ausstrahlenden Schmerzen in der Schulter, im Oberarm und in der radialen Seite des Unterarmes) zur Folge (Glauber 1978; Juhász 1977, 1977a). ZUSAMMENFASSUNG Der Schädel des Mannes aus dem Fürstengrab von Kunbábony ist aufgrund seiner morphologischen Merkmale dem mongoloidén (bajkalischen) Typus zuzuordnen, die prominente gebogene Nase deutet jedoch darauf hin, daß wahrscheinlich auch ein euro- pides (iranides) Element in dieser Merkmalskombina­tion enthalten ist. Die Form der Nase setzt den Mann deutlich vom mongoloidén Typus der Awarenzeit auf dem Donau—Theisszwischenstromland ab (Madaras: Lipták—Marcsik 1976; Kunszállás: Lipták—Varga 1971). Auch in Kecskemét, sind Skelettreste aus ei­nem Fürstengrab bekannt (Marcsik 1980 in Tóth 1980), diese sind jedoch erhalten, sodaß ein Vergleich mit dem Kunbábonya Schädel unmöglich ist. Der Kunbábonya Awarenfürst überlebte eine Ver­letzung die auf einen spitzen Gegenstand zurückgeht, der durch die linke Augenhöhle in die Schädelhöhle eindrang. Dieses Trauma zog aller Wahrscheinlich­keit einen Verlust des Sehvermögens auf der betroffe­nen Seite nach sich, die Beschädigung der Stirnlap­penrinde dürfte aber auch Geruchs- und Verhaltens­störungen zur Folge gehabt haben. Der Awarenfürst hat diese Verletzung dank guter medizinischer Ver­sorgung noch lange überlebt. In der paläopathologi- schen Literatur kann man nur selten Hinweise auf Verletzungen der Augenhöhle finden. Gerade solche Verletzungen waren es aber die z.B. die Identifikation des Hussitenführers Jan Zizka ermöglichten (Vlcek 1968). Dickel et al (1989) konnten am Schädel eines vor etwa 7400 Jahren verstorbenen Mannes den „Blow-out”-Bruch der linken Orbitabasis beobachten. Gladykowska—Rzeczycka (1980, 1989) beschreibt ei­ne Fraktur des Orbitadaches die der des Kunbabonya Mannes ähnlich ist. Der Fürst von Kunbábony litt zu Lebzeiten an in die Schulter, den Oberarm und die radiale Seite des Unterarmes ausstrahlenden Schmerzen, die durch spondylarthitische und spondylotische Veränderun­gen der Halswirbelsäule bedingt waren. Dieses Krank­heitsbild ist jedoch — im Gegensatz zur Verletzung der Augenhöhle — nicht als Besonderheit zu be­trachten, sie finden sich in anthropologischen Materi­al von Gräberfeldern aus allen Epochen. DANKSAGUNG Die Verfasser danken Herrn Dr. Bálint Kovács (Pécs, Augenklinik) für seinen fachlichen Rat in bezug auf Biomechanik der Orbita, Herrn Prof. Dr. Pál Lipták für die Überlassung seiner anthropologischen Befunde, den Fachleuten der Röntgenklinik von Szeged, für die Anfertigung der Röntgenaufnahmen. 290

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