Levéltári Közlemények, 66. (1995)
Levéltári Közlemények, 66. (1995) 1–2. - SASHEGYI OSZKÁR EMLÉKÉRE - Brachmann, Botho: Meditation zu Aufgaben der akademischen Lehre auf dem Felde der Archivistik / 157–165. o.
160 Botho Brachmann Archivare und Bibliothekare — die These erlaubt, daß, bedingt durch die Massenhaftigkeit der bereits vorhandenen Archiv- und Buchbestände, auf lange Sicht separat fachlich fähige Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen ausgebildet oder „reproduziert" werden müssen, um die jeweilige Kulturgutart weiter erschlossen und nutzbar zu halten. Hier ist also der Aspekt der Trennung der Berufsbilder zu akzeptieren. Ungeachtet dessen gibt es aber in den traditionellen und modernen Medien-Archiven zahlreiche Möglichkeiten der Integration der sog. ABD-(Archiv, Bibliothek, Dokumentation)Bereiche, d. h. der Übernahme bibliothekarischer bzw. dokumentarischer Erschließung bei Büchern, Schallplatten, CD's, Filmen, Hörspielen usw. Der einzelne Archivar wie die Zunft insgesamt hat in einem Lernprozeß zur Kenntnis genommen, daß sich schon allein im archivischen Gegenstandsbereich sehr verschiedene Wege zum Umgang mit den anvertrauten Quellen ergeben haben. Dazu gehören beispielsweise spezielle Regelwerke für mittelalterliche Urkunden, für moderne Akten, für Karten, Pläne und Risse, die eine Ergänzung durch Grundsätze für den Umgang mit Fotografien, Tonaufzeichnungen, Filmen/Fernsehfilmen sowie mit elektronischen Medien in der Dokumentenverwaltung (sog. „papierloses" Büro) gefunden haben. 7 Damit ist auch eine größere Bereitschaft erlangt worden, den Terminus „Archiv" nicht mehr nur als Überlieferungsstätte historisch abgeschlossener Vorgänge, sondern wieder mehr als einen offenen Begriff, der vom records management bis zum ehrwürdigen Archivgut reicht, zu akzeptieren. 8 Indem der genetische Aspekt des Wortes „Archiv" in einem engen und in einem weiten Sinne interpretiert werden kann, gilt das gleiche selbstverständlich auch für den Gegenstand der Archivtheorie bzw. der Archivwissenschaft. „Offen" sind somit Folgebegriffe wie Archivgut, Archivar, Bestand, Bewertung, Erschließung, Nutzung usw. Daraus ergeben sich weitere aktuelle Schlußfolgerungen. Die Archive in Deutschland haben in ihrer Tätigkeit wie in allen anderen Ländern neben den Aufgaben der Überlieferungsbildung, der Erschließung des Archivgutes und seiner Nutzung auch den Anforderungen einer langfristigen Sicherung, Konservierung und Restaurierung der Quellen zu entsprechen. Gerade der letztgenannte Aspekt gewinnt durch die Tatsache an Bedeutung, daß das archivalische Kulturerbe der letzten 100 Jahre, sofern es auf Papier überliefert ist, aufs ernsteste gefährdet ist. So gehen Schätzungen davon aus, daß in deutschen Bibliotheken ca. 200 Mill. Bücher (d. h. umgerechnet 6,5—7 Mill, lfm) lagern. Die Menge des Archivgutes in Deutschland wird auf 2,2 Mill, lfm angenommen. Davon sind ca. 350 000 lfm (mehr als 16% des Gesamtbestandes) nicht mehr benutzbar, weil sich inzwischen das verwendete säurehaltige Papier durch chemische Prozesse bzw. äußere Einwirkungen zersetzt. 9 Die bisherigen Instrumentarien einer manuellen und maschinellen Restaurierung reichen aber bei weitem nicht aus, um diesem 7 Vgl.: Die archivalischen Quellen. Eine Einführung in ihre Benutzung. Hrsg. von Friedrich Beck und Eckart Henning. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger. Weimar 1994, 298 S.; ferner: Ordnungs- und Verzeichnungsgrundsätze für die staatlichen Archive der Deutschen Demokratischen Republik. Potsdam 1964, 127 S. nebst Begründungen und Erläuterungen. In: Archivmitteilungen 4/1966, S. 125—135 sowie OVG, Ergänzung 4: Urkunden. Potsdam 1980 und die dazugehörigen Begründungen und Erläuterungen. In: Archivmitteilungen 1/1980, S. 10—16; Hans Eberhard Zorn: Automation und Archiv. Datenverarbeitung, Büroautomation, Bürokommunikation. In: Bewahren und Umgestalten. Aus der Arbeit der Staatlichen Archive Bayerns. Walter Jaroschka zum 60. Geburtstag. München 1992, S. 300—315. 8 Vgl.: Beiträge zur Archivwissenschaft und Geschichtsforschung. Schriftenreihe des Staatsarchivs Dresden. Bd. 10. Hrsg. von Reiner Groß und Manfred Kobuch. Weimar 1977, S. 58. 9 ,,Der saure Tod im Bücherregal". Fernsehsendung des Norddeutschen Rundfunks Hamburg (NDR) vom 3. August 1994, 20.15—21.00 Uhr.