Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

Semmelweis1 Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. 91 welchen nur die betreffende Krankheit erzeugt, — Caries hat noch nie ein Blatterncontagium hervorgebracht. Das Puerperalfieber wird durch einen Stoff fortgepflanzt, welcher das Product nicht des Puer­peralfiebers allein, sondern auch das Product der heterogensten Krank­heiten bildet. . Jede Leiche, mag welch eine Krankheit immer den Tod veran­lasst haben, erzeugt den Stoff, welcher das Kindbettfieber hervorbringt. Daraus folgt das Verbot des Beschäftigens mit Leichen und mit Kranken, deren Krankheiten einen zersetzten Stoff erzeugen, ohne Rücksicht auf den Puerperalzustand. Für mich ist es eine unumstössliche Wahrheit, dass der Thierarzt, welche]' zugleich Geburtshelfer wäre, durch die von gefallenen Thieren hergenommenen zersetzten Stoffe bei einer Wöchnerin das Kindbett­fieber hervorbringen würde. Das Kindbettfieber ist demnach keine contagiöse Krankheit, aber es ist eine auf ein gesundes Individuum übertragbare Krankheit ver­mittelst eines zersetzten Stoffes. — Das Kindbettfieber steht zum Rothlauf und seinen Folgen in keiner andern Beziehung, wie zu jeder anderen Krankheit, welche einen zersetzten Stoff erzeugt. Das Kind­bettfieber steht zum Rothlauf in derselben Beziehung, wie zu jeder faulen Leiche. Wenn die englischen Aerzte ausser dem Puerperalfieber selbst nur noch den Rothlauf und seine Folgen als Quellen des zersetzten Stoffes, welcher das Kindbettfieber hervorbringt, anerkennen, so ziehen sie die Grenzen viel zu enge, wie ja schon die oben angeführten Daten beweisen; es war ja nicht alles Rothlauf, woher der Stoff ge­nommen wurde, für die oben aufgezählten Fälle von Kindbettfieber. Das Kindbettfieber ist demnach dieselbe Krankheit, welche bei Chirurgen, bei Anatomen, welche nach chirurgischen Operationen entsteht. Das Kindbettfieber ist demnach dieselbe Krankheit, wenn männlichen oder weiblichen Individuen ein zersetzter Stoff in den Kreislauf gebracht wird. Durch die Epidermis oder durch eine dicke Schichte des Epitheliums hindurch ist dieser zersetzte Stoff nicht resorbirbar, bei Chirurgen, bei Anatomen muss eine Verletzung vorausgehen. Kolletschka hat als tüchtiger pathologischer Anatom unzählige Male seine Hände mit zersetzten Stoffen verunreinigt und blieb ge­sund; durch einen Stich wurde einmal die Resorption ermöglicht, und wir wissen welche Krankheit die Folge davon war. Die Resorptionsstelle kann jeder Punkt des Körpers sein, welcher von der Epidermis, vom Epithelium entblösst wird. Bei Schwangeren, Kreissenden, Wöchnerinnen haben wir an Stelle des Körpers, welche keine Epidermis, welche kein Epithelium besitzt, und das ist die innere Fläche des Uterus vom inneni Muttermunde angefangen nach aufwärts, und das ist die Resorptionsstelle für den zersetzten Stoff, welcher das Kindbettfieber hervorbringt. — V urden durch die Geburt Verletzungen verursacht, so kann jede Stelle des ganzen Körpers, welche wund ist, zur Resorptionsstelle werden. Im Schuljahre 1857/58 an der geburtshilflichen Klinik zu Pest wurden die äusseren Genitalien zweier Wöchnerinnen grangraenös; eine dieser Wöchnerin zur Pflege zugét heilte Schülerin verletzte^ ihren Finger mit einer Nähnadel, sie bekam Lymphangioitis mit ereite-

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