Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

80 Semmelweis5 Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. Lumpe folgert nun so: „So lange die Chlorwaschungen im Ge­brauch waren, so lange waren trotz ihnen 20 Sterbefälle die monat­liche Maximalzahl, die vorgekommen ist. Wir müssen also folgerecht zugeben, dass nur, was über dieses Maximum hinausgehe, Infection ist, was darunter bleibt, ist keine Infection, da Chlorwaschungen ge­braucht wurden.“ Dazu macht er noch folgende Bemerkung: „Semmel­weis erklärt zwar, dass zur Zeit dieser grossen Sterblichkeit die Chlorwaschungen nachlässig gemacht wurden, ob und wiefern dies richtig sei? darüber muss Dr. Braun, in dessen Assistenzzeit dieser Monat fällt, zur eigenen Rechtfertigung genauere Auskunft geben, ich kann auf ein blosses „on dit“ keine Rücksicht nehmen.“ Er sagt weiters, dass während der Zeit von 24 Monaten durch 11 Monate weniger als 20 gestorben sind, also war folgerichtig während 11 Monaten die Infection keine Ursache des Kindbettfiebers; während den übrigen 13 Monaten aber, wo mehr wie 20 gestorben sind, war die Infection das aetiologische Moment des Kindbettfiebers. Das zu behaupten ist ein Unsinn. Der geneigte Leser erinnert sich noch, dass wir folgende Lehre auf st ell ten: ein jedes Kindbettfieber entsteht durch die Resorption eines zersetzten thierisch-orgauischen Stoffes; dieser Stoff wird in der Mehrzahl der Fälle von aussen eingeführt und das sind jene Fälle, die verhütbar sind; in einzelnen seltenen Fällen entsteht dieser Stoff innerhalb des Organismus und da ist die Krankheit nicht zu verhüten; derartige Fälle werden immer Vorkommen, doch ge­schieht dies bei 100 Wöchnerinnen kaum einmal; also nicht bei 20 unter 200. sondern schon bei 2 unter 200 ist Infection die Ursache. Dr. Lumpe darf daher nicht behaupten, dass durch 11 Monate nicht Infection die Ursache des Kindbettfiebers war, da stets mehr gestorben sind wie 1 von 100. Die Behauptung aufzustellen, wenn die Theorie der Infection wahr wäre, so müsste die Sterblichkeit durch sämmtliche Monate die gleiche sein, — ist ein wahrer Unsinn, da doch die Infection von vielen Zufällen abhängig ist, so z. B. von der Zahl der Schüler, von ihrem Fleiss, von der Art ihrer Be­schäftigung während des Aufenthaltes auf der Gebäranstalt, von dem Fäulnissgrade der Leiche, von der Jahreszeit (im Sommer ist es für die Schüler angenehmer in der reizenden Umgebung Wiens sich auf­zuhalten als in der Leichenkammer), von der Zeit der Beschäftigung mit der Leiche, ob vor oder nach der Visite u. s. w., u. s. w„ — all das sind Umstände, wodurch die Schwankungen der Sterblichkeit ungezwungen erklärt werden. Mende zweifelt an der Richtigkeit der Leicheninfection. Er sucht in der schlechten Ventilation den Grund des häufigen Kindbett­fiebers in Wien, ferner in dem Zusammengedrängtsein der Wöchnerinnen in den beengten Räumen des allgemeinen Krankenhauses, und meint denselben gerade in Folge dieser fördernden Verhältnisse in der Ent­stehung eines Miasmas aufzufinden. Hätte er Recht, so würden die Chlorwäschungen nutzlos gewesen sein, denn die Localitätsverhält- nisse wurden durch dieselben überhaupt nicht geändert, davon zu schweigen, dass — wie wir im Laufe unserer Abhandlung dargelegt haben — diese ungünstigen Verhältnisse in der Hebammen-Abtheilung in höherem Masse vorhanden waren und sie trotzdem ein günstigeres Sterblichkeitsverhältniss wie die Aerzteabtheilung aufzuweisen hatte.

Next

/
Oldalképek
Tartalom