Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. 73 anstalt sei. demgemäß hier keine Schüler mit unreinen Fingern Untersuchungen vornähmen,, und trotzdem wüthe zur Zeit eine furchtbare Epidemie in der Gebärabtheilung des Spitals. — Bei meinem Besuch hat sich der 1 liatbestand, dass nämlich sämintliche Wöchnerinnen schwerkrank waren, als wahr erwiesen; aber ich kam gar bald dahinter, dass auch hier keine epidemische, sondern dieselbe Ursache wie in Wien die verheerende Wirkung hervorrief. Ich gelangte nämlich zur Kenntniss, dass der geburtshilfliche Primarius damals gleichzeitig auch chirurgischer Primarius und ausserdem noch Gerichts-Anatom war. — Die geburtshilfliche Abtheilung war nicht selbstständig, sondern nur ein Anhang der chirurgischen; es wurde darum bei dieser, als der für wichtiger geltenden, die Visite begonnen und nur erst, als der Primarius und das sämmtliche angestellte ärztliche Personal seine Hände mit thierisch-organischem faulen Stoffe verunreinigt hatte, — wofür die chirurgische Abtheilung als unversiegbare Quelle diente, — wurde die Visite an der geburtshilflichen Abtheilung fortgesetzt. Das Resultat war, dass oft die sämmtlichen Wöchnerinnen krank darniederlagen, gerade so, wie dazumal als ich die Abtheilung zuerst besichtigte. Unter meiner Leitung durfte nur mit reinen Fingern untersucht werden und die Abtheilung, die ehedem fortwährend mit Puerperalfieber behaftet war, ist hievon durch 6 Jahre verschont geblieben. — Von alledem, d. li. von der Wahrheit des Gesagten kann sich Jedermann leicht bei den Betreffenden überzeugen. Seit October des Schuljahres 1855/1856 führe ich die Gebärklinik der medicinischen Facultät an der Universität und damals wurden 514 Wöchnerinnen verpflegt, davon sind gestorben 5, und zwar 2 am Kindbettfieber und 3 an anderen Krankheiten. Im Schuljahre 1856/1857 starben nach 558 Geburten 31, darunter 16 an Kindbettfieber und 15 an anderen Krankheiten. Bis zum 1. Mai des Schuljahres 1857/1858 sind von 457 Wöchnerinnen 23 gestorben; 18 an Kindbettfieber und 5 an anderen Krankheiten. Wie der geehrte Leser sehen kann, ist das Ergebniss der beiden letzten Jahre nicht so günstig; man könnte es als Gegenbeweis gegen meine Ansicht anführen. Wenn wir indess die Sache ins gehörige Licht stellen, so dient es sogar — leider! — als stützendes Zeugniss für die Richtigkeit und Berechtigung meiner Meinung. Im November 1856/1857 wurde die geburtshilfliche Klinik aus Gründen, die man nicht rückhaltslos mittheilen kann, mit solch schmutziger Bettwäsche versehen, dass das Puerperalfieber noth- wendigerweise ausbrechen musste; in dem Moment, wo wir reine Wäsche bekamen, hörten die Erkrankungen auf. 1857/1858 war es wieder die Wäsche, welche die Erkrankung der Wöchnerinnen hervorbrachte. Die Wäsche wurde zwar rein eingeliefert, aber die nachlässige Wärterin verabsäumte das regelmässige Wechseln derselben; nachdem diesem Missstand durch Entlassung der V ärterin abgeholfen worden war, hörten auch die Erkrankungen sofort auf. Diejenigen, die diese Erklärung der Erkrankungen für schwerfällig und gezwungen halten, und dieselben lieber einer Epidemie zuzuschreiben gewillt sind, mögen bedenken, dass man das Erlöschen einer Epidemie nur mit Eintritt der milderen Temperatur erwarten kann, während selbe in beiden Fällen nach 3—4 wöchentlicher Dauer in Folge der Verabreichung von reiner Wäsche sofort auf hörte.