Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers

57 Beschaffenheit desselben abhängig1, sondern von lokalen anderen Ver­hältnissen bedingt gewesen sei, wie solche von Dr. Semmelweis näher bezeichnet worden sind. Einen Vortrag in gleichem Sinne hält der prov. Director des allgemeinen Krankenhauses, Herr Dr. Helm, der frühere Jahre Assistent an der ersten geburtshilflichen Klinik gewesen ist. Er tritt vorerst gegen jene auf, welche Herrn Dr. Semmelweis die Priorität der Entdeckung streitig machen wollen und weist nach, wenn auch früher andere Beobachter, insbesondere englische Geburts­helfer darauf hingewiesen haben, dass Puerperalfieber-Erkrankungen dadurch herbeigeführt werden können, dass der Geburtshelfer kurz vor seiner Hilfeleistung bei der Entbindung mit gangränösen Kranken oder solchen mit Erysipel oder mit einer Sektion sich befasst hat, so hat doch keiner bis auf Dr. Semmelweis die Sache so bestimmt hin­gestellt und, was die Hauptsache ist, die nöthigen Vorsichtsmassregeln an die Hand gegeben. Andere Gegner sind es aber, denen der Aus­spruch des Dr. Semmelweis zu allgemein erscheint, allein weder Dr. Semmelweis selbst noch Professor Skoda in seinem Vortrage bei der Akademie der Wissenschaften haben andere Ursachen der Wochenbettfieber, wie schwere Entbindungen, Gemüths-Erschütterungen. Blutflüsse etc. etc. ausgeschlossen, vielmehr letztere als diejenigen be­trachtet, welche die gewöhnliche Zahl von Erkrankungen aller Orten hervorzubringen vermögen, indess Imprägnirung mit faulen organischen Stoffen von der Leiche her zu den aussergewöhnlichen Ursachen zu wählen sei. Einer dritten Gruppe von Gegnern aber, welcher die Ansichten des Dr. Semmelweis als ganz und gar unbegründet er­scheinen, stellt Dr. Helm blos die Frage: woher wohl seit 3 Jahren, seit der Einführung der Chlorwaschungen nämlich, die sonst unge­wöhnliche Häufigkeit der Puerperalfieber — die sogenannten Epi­demien derselben — aufgehört haben mögen und erklärt in so lange ihre Zweifel für unwichtig, in so lange sie auf diese Frage die Ant­wort schuldig bleiben. Zu Ende stellt Dr. Helm alle Folgerungen in wenig Sätzen zu­sammen und erklärt jeden einzelnen Arzt, so wie jede ärztliche Cor­poration Herrn Dr. Semmelweis für seine Entdeckung zu grossem Danke verpflichtet. Der dermalige Assistent an der zweiten geburtshilflichen Klinik. Herr Dr. Arneth, endlich spricht sich in einem Aufsätze mit Be­stimmtheit dahin aus, dass der Contakt mit Leichentheilen das ein­zige Moment sei, welches eine grössere Gefährlichkeit _ der Schüler der ersten Klinik vor den Schülerinnen der zweiten Klinik begründen kann, indem die meisten übrigen Bedingnisse, besonders die der Räumlichkeiten, bei einem Vergleiche zum Vortheile der ersten Ab­theilung ausschlagen. Rücksichtlich des Beweises einer direkten Uebertragung des Leichengiftes auf eine Kreissende, durch die Unter­suchung in einem speciellem Falle, den nach Einigen Dr. Semmel­weis bisher noch nicht gegeben hat, sagt Dr. Arneth. dass dieser nicht zu geben ist, indem vor der Einführung der Chlorkalkwaschungen Niemand darauf seine Aufmerksamkeit richtete und nun eben so wenig Jemand die Verantwortung einer Unterlassung der Waschungen über sich nehmen werde, doch könne nachfolgendes Faktum gewiss als entscheidend gelten: gleich zu Anfang nämlich, als Dr. Semmel­weis auf die mögliche Uebertragung von Leichentheilen seine Aut­Semmelweis’ Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers.

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