Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers
Ansicht ist, dass auf gynäkologischen Abtheilungen bei vorhandenen Excoriationen der Theile Pyämie in der bezeichneten Weise veranlasst werden könne, weshalb auch hierorts auf denselben die Chlorwaschungen eingeführt worden sind. DierAeusserung des Herrn Dr. Semmelweis, dass auch auf der zweiten geburtshilflichen Klinik zur Zeit solcher Assistenten, welche sich viel mit Leichenöffnungen befasst haben, die Puerperalfieber sich häufiger eingestellt haben, wobei namentlich Dr. Zipfel’s Dienstzeit angeführt wurde, veranlasste Letzteren über diesen Gegenstand zu näheren Untersuchungen, deren Ergebnisse er der Gesellschaft im Folgenden mittheilt: Er hob 1) aus den Akten alle Sektionsprotokolle aus, die während des ersten Jahres seiner Assistenz (1842) unter seinem Namen sich verzeichnet vorfanden, es sind deren 41; zog 2) aus den Aufnahmsbögen und täglichen Geburtszetteln die an jedem Sektionstage Entbundenen und die von den letzteren später am Puerperalfieber Verstorbenen aus, und theilt selbe 3) nach der Zeit ihrer Aufnahme in 5 Reihen, je nachdem sie vor der gewöhnlichen für Sektionen bestimmten Stunde oder unmittelbar nach derselben, oder erst Tags darauf entbunden waren; diese Zusammenstellung nun macht in einer Tabelle ersichtlich, dass gerade von den vor der Sektionsstunde und den am spätesten nach derselben (24—32 Stunden) Entbundenen, die somit durch die Untersuchung der Im- prägnirung mit Cadaver-Stoffen gar nicht oder am wenigsten ausgesetzt waren, die allermeisten gestorben sind, nämlich 10 1/2 bis 12 °/0, indess von jenen, welche in den Tagszeiten, unmittelbar nach den Leichenöffnungen entbunden waren, gerade weniger und zwar nur 5% dahingerafft wurden. Es ist dies gewiss nur Zufall, wie Dr. Zipfel meint, hätte sich aber eben so zufällig das entgegengesetzte Verhältniss vorgefunden, so würde Jedermann dies als eine Bestätigung der von Dr. Semmelweis aufgestellten Ansicht mit betrachtet haben, ein Beweis, wie vorsichtig man sein müsse, will man aus statistischen Fakten Schlüsse ziehen. Ein gleiches Resultat ergab sich, indem Dr. Zipfel die einzelnen Monate des Jahres unter einander verglich; es starben nämlich gerade viele Wöchnerinnen in solchen Monaten, in denen kaum einige Leichenöffnungen vorgenommen wurden, indess bei einer grösseren Anzahl von Sektionen im Monate nur wenige Todtenfälle unter den Entbundenen sich ereigneten; im Allgemeinen ergaben sich blos an 13 von den 41 Sektionstagen bei den binnen 32 Stunden nach der Sektion Entbundenen, und im Ganzen unter 311 Entbundenen nur 20 Sterbefälle; während von 114 binnen 8 Stunden vor der Sektionszeit Entbundenen 12 mit Tod abgingen. Eben so wichtig sei es, dass von 147 sogenannten Gassengeburten 5 gestorben sind, was somit bei Wöchnerinnen, die gar nicht untersucht werden konnten, in diesem Jahre gleichfalls ein ungünstiges Verhältniss herausstellt. Dr. Zipfel kann somit aus dem thatsäch- lich Angeführten nicht der Meinung beipflichten, dass vorzugsweise die Untersuchung der Gebärenden mit von Cadaver-Stoffen imprä- gnirten Fingern die Ursache der häufigen Kindbettfieber auf der zweiten Gebärklinik während seiner Assistentenjahre abgegeben haben. Die Erwiderung des Herrn Dr. Semmelweis, so wie Herrn Dr. Lumpe’s Mittheilungen über denselben Gegenstand, mussten wegen vorgerückter Zeit auf die nächste Sitzung belassen werden. Semmelweis’ Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers.