Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers
[Aus dem] Protokoll der allgemeinen Versammlung der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien, vom 15. Mai 1850. Herr Dr. Semmelweis, emerit. Assistent an der ersten geburtshilflichen Klinik, entwickelt seine Ansichten über die Genesis des Puerperalfiebers; er weist aus den Protokollen numerisch nach, dass seit dem Jahre 1839, seit welchem eine besondere Klinik zum Unterrichte für Geburtshelfer, und eine andere für Hebammen errichtet worden ist, auf der ersten zusammengenommen über viermal mehr von den Wöchnerinnen grösstentheils an Puerperalfieber gestorben sind, als auf der zweiten, ungeachtet die Aufnahme der Schwangeren von 24 zu 24 Stunden zwischen beiden gewechselt hat, woraus er den einfachen Schluss zieht, dass das zeitweise stärkere Auftreten des Wochenbettfiebers auf der ersten geburtshilflichen Klinik nicht durch allgemeinere epidemische Einflüsse, sondern einzig und allein lokale, somit endemische Verhältnisse derselben bedingt gewesen sein könne. Dr. Semmelweis geht nun die gewöhnlichen endemischen Ursachen, wie sie von anderen angeführt worden sind, wie die Ueberfüllung der Krankenzimmer, die langjährige Schwängerung der Lokalitäten mit Puerperalmiasma, das öftere und vermeintlich rohere Untersuchen der angehenden Geburtshelfer, die bereits bestehende Furcht der Schwangeren, so sie auf diese Abtheilung zur Entbindung gebracht wurden u. s. w., der Reihe nach durch, und weist nach, dass keine derselben die oftmals grossen Verheerungen des Puerperalfiebers auf der ersten geburtshilflichen Klinik erklärlich machen und dass vielmehr manche dieser vermeintlichen Ursachen bei der zweiten geburtshilflichen Klinik in erhöhterem Grade sich vorfindet. Dieses und der pathologisch-anatomische Befund bei Kindbettfieber, welcher die grösste Aehnlichkeit zeigt mit jener Pyämie, die sich bei Anatomen und Chirurgen nach Verwundungen an Leichen und Imprägnirung der frisch verletzten Stellen mit in Fäulniss begriffenen organischen Stoffen auszubilden pflegt, führte Herrn Dr. Semmelweis zu der Ueber- zeugung, dass das Puerperalfieber gleichfalls ein durch Aufnahme faulender organischer Stoffe von Seiten der inneren Pmkleidung des Uterus in das Blut der Mutter erzeugter pyämischer Process sei, und daß die fortwährende neue Einschleppung solcher Stoffe gerade Semmelweis’ gesammelte Werke.