Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

und Säuglingen gestorben, welche hätten gerettet werden können, weil ärztliche Unfähigkeit und ärztliche Schlechtigkeit die segens­reichen Folgen meiner lebensrettenden Lehre vereitelte. Das muss anders werden. Herr Hofrath sagen Seite 345, Zeile 9 von unten, folgendes: „Die eiterige oder ichoröse Blutinfection des lebenden Organis­mus durch deletäre Stoffe, wie wir sie besonders im Leichengifte finden, hat bekanntlich in der Neuzeit der wissenschaftlichen Unter­suchung ein weites Feld eröffnet. Semmelweis sprach im Jahre 1847 die Theorie der Leichen-Infection als Hauptursache, ja sogar als einzige Ursache der Puerperal-Epidemien aus. Nach ihm besässen die Leichen-Molecule, welche nach Sectionen oder Uebungen an Cadavern an den Fingern haften bleiben, ja selbst der Leichengeruch, der noch nach Waschungen mit Seifenwasser zurückbleibe, die Eigen­schaft, die Puerperal-Prozesse bei nachher vorgenommenen inneren Untersuchungen während der Geburt einzuimpfen. Er empfahl daher Waschungen mit Chlorkalk, um der Infection auf dem Wege zuvor­zukommen. Semmelweis fand in Skoda einen eifrigen Vertheidiger seiner Ansicht. Es gehört nicht hierher, weiter in die Beweise, welche dieser Theorie zur Stütze dienen sollen, einzugehen, und die ver­schiedenen Ansichten der Geburtshelfer über diesen Punkt anzuführen. Es genüge zu bemerken, dass die Akademie der Medicin in Paris unter dem Vorsitze von Orfila durch eine gründliche wissenschaftliche Prüfung sich dagegen erklärt hat.“ „Genug, über die Theorie der Leicheninfection ist gegenwärtig das Urtheil gesprochen, sie muss für übertrieben und für zu exclusiv angesehen werden. Es ist hinlänglich bewiesen, dass in einigen Fällen die Krankheit durch eine ähnliche Infection hervorgebracht wurde, und wir würden diejenigen ernstlich tadeln, welche sich erlaubten, eine Exploration oder Operation bei schwangeren, gebärenden oder niedergekommenen Frauen mit Händen vorzunehmen, welche selbst nach wiederholten Waschungen immer noch eine Spur von Leichen­geruch an sich trügen. Aber es ist zu weit gegangen, wenn man dies als die einzige Ursache des Kindbettfiebers ansehen, und durch sie das so häufige Auftreten, den bösartigen Charakter, und die epi­demische Verbreitung der Krankheit in Gebäranstalten erklären wollte.“ J) Dieselbe Widerlegung hat Seramelweis’sche Annahme auch von vielen an­deren Seiten erfahren, und es ist nachgewiesen, dass die Uebertragung von Leichen­gift allein den Ausbruch des Kindbettfiebers wenigstens nicht in allen Fällen erklärt. Wir unterschreiben aber vollkommen, was Lehmann in dem Folgen­den über die Möglichkeit einer solchen Infection angiebt, zumal wenn solche Ver­hältnisse obwalten, wie sie Semmelweis von Wien aus gemeldet hat. dass aus dem dortigen Leichenhause das Leichengift unmittelbar durch Untersuchung' mit unreinen Händen auf Gebärende u. s. w. übertragen wurde. Es kann hier nicht Vorsicht genug empfohlen werden, und es sind dafür die von S. angerathenen und geübten Waschungen mit Chlorkalklösung in individuellen Fällen gewiss an ihrer Stelle. Semmelweis hat über diesen Gegenstand in einer eben erschienenen Schrift: „Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. Pest, Wien und Leipzig 1861, 8.“ noch einmal zu Gunsten seiner Ansicht das Wort ergriffen, ist aber dabei in so massloser Weise gegen Alle, die nicht seiner Meinung sind, oder auch nur Zweifel über dieselbe zu äussern wagten, zu Felde gezogen, dass wir solches nur aufrichtig bedauern können, da die Sache selbst einen guten Kern hat, für Wien namentlich von grosser praktischer Bedeutung war, und nirgends vergessen werden sollte. Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.

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