Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
organischen Stoff entmischte Blut circulirt; die puerperale Pleuritis entsteht nicht deshalb, weil die Tuba ihr eiteriges Contentum in die Pleura-Höhle ergiesst, sondern deshalb, weil in der Pleura das durch den resorbirten zersetzten tliierisch-organischen Stoff entmischte Blut circulirt; die puerperale Pericarditis entsteht nicht deshalb, weil die Tuba ihr eiteriges Contentum in die Höhle des Pericardiums ergiesst, sondern weil im Pericardio das durch den resorbirten zersetzten tliierisch-organischen Stoff entmischte Blut circulirt; die Endometritis, die Metritis, die Metrophlebitis, die Metrotymphangoitis, die Peritonitis haben ihre gemeinschaftliche Entstehungsursache in dem durch den resorbirten zersetzten tliierisch-organischen Stoff’ entmischten Blute; und selbst die Salpingitis entstellt aus dem durch den resorbirten zersetzten tliierisch-organischen Stoff entmischten Blute. Im Dezember 1842 starben an der ersten Geburtsklinik zu Wien von 239 Wöchnerinnen 75, im Oktober 1842 starben von 242 Wöchnerinnen 71, im August 1842 starben von 216 Wöchnerinnen 55, im November 1842 starben von 209 Wöchnerinnen 48, im November 1841 starben von 235 Wöchnerinnen 53. Der Scharfsinn des Prof. Martin hätte in diesen 302 Leichen zahlreiche Salpingitides entdeckt, welche, ihr eiteriges Contentum in die Bauchhöhle ergiessend, zu einer Ursache der Peritonitis wurden; im Jahre 1848 haben wir im Monate März und August durch getroffene Massregeln die Eesorption des zersetzten tliierisch-organischen Stoffes so glücklich verhütet, daß keine Blutentmischung entstand; dadurch entstand keine Peritonitis; aber nicht deshalb weil wir die Salpingitis verhütet, sondern, weil wir die gemeinschaftliche Ursache sämmtlicher Exsudätionen, nämlich die Blutentmischung, verhüteten; es starb nämlich im März 1848 von 276 Wöchnerinnen, und im August 1848 von 261 Wöchnerinnen keine einzige. Meine Schrift ist Ende Oktober 1860 erschienen, und in dem am 20. März 1861 ausgegebenen zweiten Hefte der „Medizinischen Jahrbücher“ sagen Sie, Herr Professor, Seite 229, Folgendes: „Zum Verständnisse der eigentlichen Wochenbettkrankheiten haben Buhl, Martin, Klaproth, Wagner und Förster einen wesentlichen Beitrag geliefert durch Bestimmung des Verhältnisses der Salpingitis zur Peritonitis.“ Durch diesen Ausspruch haben Herr Professor mir die Ueber- zeugung verschafft, dass auch Ihren Geist die puerperale Sonne, welche im Jahre 1847 in Wien aufgegangen, nicht erleuchtet, obwohl selbe Ihnen so nahe geschienen. Ich hebe es nochmals hervor, dass ich nur jene Salpingitis für keine Ursache der Peritonitis halte, welche eine der Localisationen ist, deren so zahlreiche bei dem Resorptions-Fieber in der Fortpflanzungsperiode des Weibes (Puerperal-Fieber) vorhanden sein können, jene Salpingitis nämlich, welche aus dem durch den resorbirten zersetzten thierisch-organischen Stoff entmischten Blute entsteht. Dieses hartnäckige Ignoriren meiner Lehre, dieses hartnäckige Ruminiren von Irrthümern veranlasst mich folgende Erklärung abzugeben : Ich trage in mir das Bewusstsein, dass seit dem Jahre 1847 tausende und tausende von Wöchnerinnen und Säuglinge gestorben sind, welche nicht gestorben wären, wenn ich nicht geschwiegen, sondern jedem Irrthume, welcher über Puerperal-Fieber verbreitet wur de, die nöthige Zurechtweisung hätte zu Theil werden lassen; und Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.