Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
Vorwort. Nach zweimal beendetem Curse der praktischen Geburtshilfe an der ersten Gebärklinik zu Wien meldete ich mich unterm 1. Juli 1844 beim Vorstände dieser Klinik, weiland Professor Dr. Klein, als Aspiranten für die einstens zu besetzende Stelle eines Assistenzarztes besagter Klinik, und wurde als solcher mittelst Decret ddo. 27. Februar 1846 provisorisch angestellt. Am 1. Juli 1846 übernahm ich die Stelle eines Assistenten der ersten Gebärklinik definitiv, musste aber selbe am 20. October desselben Jahres wieder an meinen Vorgänger Dr. Breit abtreten, da Dr. Breit inzwischen eine zweijährige Dienstesverlängerung erhielt. Wir wollen im Verlaufe dieser Schrift diese vier Monate, nämlich: den Juli, August, September, October des Jahres 1846, zum besseren Verständnisse, meine erste Dienstzeit nennen. Die Dienstzeit eines Assistenten, bei welch’ immer Lehrkanzel, war in Wien auf zwei Jahre fixirt, bei allen übrigen Lehrkanzeln war es aber Sitte, nach Ablauf von zwei Jahren die Dienstzeit desselben Assistenten abermals für zwei Jahre zu verlängern, nur bei den geburtshilflichen Lehrkanzeln war diese Sitte nicht im Gebrauche, und die Assistenten wechselten regelmässig alle zwei Jahre. Dr. Breit war der erste, dem eine solche Begünstigung zu Theil wurde. Inzwischen wurde Dr. Breit zum Professor der Geburtshilfe an der Hochschule zu Tübingen ernannt, und ich übernahm zum zweiten Male definitiv die Stelle eines Assistenten den 20. März 1847, und fungirte als solcher durch zwei Jahre, nämlich bis zum 20. März 1849. Diese zwei Jahre wollen wir meine zweite Dienstzeit nennen. Die Aufgabe dieser Schrift ist: dem Leser geschichtlich die Beobachtungen vorzuführen, welche ich an dieser Klinik in diesem Zeiträume gemacht, ihm zu zeigen, wie ich zum Zweifler an der bisherigen Lehre über die Entstehung und den Begriff des Kindbettfiebers geworden, wie sich mir meine gegenwärtige Ueberzeugung unwiderstehlich aufgedrungen, damit auch er zum Heile der Menschheit dieselbe Ueberzeugung daraus schöpfe. Vermöge meines Natureis jeder Polemik abgeneigt, Beweis dessen ich auf so zahlreiche Angriffe nicht geantwortet, glaubte ich es der Zeit überlassen zu können, der Wahrheit eine Bahn zu brechen, allein 7 Semmelweis’ gesammelte Werke.