Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
Leichenstoffen und andere zersetze animalische Stoffe entstehen können, und daß es dringend geboten erscheint, auch nur die Möglichkeit einer solchen Infektion mit aller Sorgfalt zu vermeiden. Folglich mußten auf seiner Klinik die Chlorwaschungen eingeführt sein — unbedingt, sonst wäre er ein gewissenloser Schurke gewesen — und dann war es ja gleichgiltig, ob die Untersuchenden Sektionen Vornahmen oder nicht, sie desinfizierten sich nachher und die desinfizierten Hände brachten den Gebärenden keinen Nachteil. Es war von Kiwisch eine Unredlichkeit, mit der er sich selbst betrog, wenn er darauf hinwies, daß bei ihm unmittelbar nach Sektionen untersucht werden durfte, und im ganzen Aufsatze verschwieg, daß Chlorwaschungen gemacht wurden. Seine Pflicht wäre es gewesen, zu erklären: Vor Semmelweis untersuchten wir Gebärende unmittelbar nach vorgenommenen Sektionen und oberflächlicher Reinigung und hatten 26% Sterblichkeit; seit 1848 desinfizieren wir unsere Hände in Chlorlösung und haben nun durch 2V2 Jahre fortgesetzt einen sehr befriedigenden Gesundheitszustand. Ergo war meine frühere Behauptung eine irrige, meine Patientinnen vor 1848 hatten durch Leicheninfektionen einen Nachteil von 26% Mortalität. So war denn Kiwi sch’ Abhandlung, die in den Augen vieler urteilslosen Köpfe eine vernichtende Kritik der Semmelweis’schen Lehre bedeutete, im Grunde eine glänzende Bestätigung derselben. Aber wer durchschaute den Selbstbetrug, mit dem der eitle Gelehrte auch die Welt betrog? Niemand, auch Semmelweis nicht. Zu Kiwisch’ Glauben an die gewöhnliche Unschädlichkeit der Übertragung von Leichenstoff auf das Genitale von Gebärenden sagt He gar: „Dies hat derselbe Mann geschrieben, unter dessen Leitung das Würzburger Gebärhaus einmal eine Sterblichkeit von 26% in einem Jahre aufgewiesen hatte ..........Wenn die Geschichte der menschl ichen Irrtümer nicht ähnliche Beispiele genug aufwiese, möchte man erstaunen, daß ein so genialer und erfahrener Mann in der Art befangen und blind sein konnte.” Im 28. Bande der Prager Vierteljahrsschrift referierte Scanzoni ausführlich über die Zuschrift Kiwis ch’ an die Redaktion der Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien und stellte bei Erwähnung des Umstandes, daß auch Schwämme, Wäschestücke, Instrumente etc. Träger des Giftes sein müßten und daß Semmelweis auch auf diese Schädlichkeiten Bedacht genommen habe, die unbedachte Frage: „Warum verschwieg Prof. Skoda diesen so wichtigen Umstand in seinem Berichte?!” Auf einen Augenblick hatte Scanzoni seine wahre Denkweise verraten! Unmittelbar nach Kiwis ch’ Aufsatz erschien in der nächsten Nummer der Zeitschrift der Wiener Gesellschaft der Ärzte vom Jahre 1850 ein solcher von Dr. Lumpe, in welchem dessen in seiner Rede vom 15. Juli dargelegter Standpunkt in breiter Ausführlichkeit erörtert wurde.