Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
68 waren von jeher der Schrecken der Mütter, auch zu Zeiten und in Ländern, wo man an Leichenöffnungen noch gar nicht gedacht hat. Wir wollen nur anführen, daß die Furcht vor dem Wochenbettfieber nirgends so groß ist, wie in England und Rußland, was an und für sich auf große und mörderische Epidemien hinweist, welche die Bevölkerung und die Ärzte so entsetzten. In England und Rußland wurden jedoch durch lange Zeiträume keine Leichenöffnungen vorgenommen und insbesondere wird in England keine Leiche einer Puerpera geöffnet. Überdies beweisen die Umstände, daß Wöchnerinnen nach der Entbindung in der Regel nicht untersucht werden; daß Wöchnerinnen, welche weder im Verlaufe ihrer Gravidität, noch vor oder während oder nach der Entbindung untersucht worden sind (wie dies bei den meisten Gassengeburten der Fall ist), ebensogut an Wochenbettfieber erkranken, wie andere; daß das Wochenbettfieber epidemisch vorkommt (die sporadischen, seltenen Erkrankungen können hier nicht besprochen werden), d. i. nur durch eine gewisse Zeit beobachtet wird, während in Wien und Prag die Leichenöffnungen täglich vorgenommen werden; daß das Wochenbettfieber auf dem Lande und in anderen Städten, wo keine Leichenöffnungen gemacht werden, gleichfalls zu bestimmten Zeiten vorkommt — mehr als hinreichend, daß die Wochenbettfieberepidemien auf keine Weise von einer Übertragung von Leichenteilen (Semmelweis, Skoda) abgeleitet werden können.” Dr. Scanzoni. So konnte es nicht weitergehen, das sah nun auch Semmelweis ein. Er mußte sprechen. Schon zuviel Verwirrung war durch sein Schweigen entstanden. Am 15. Mai 1850 hielt er endlich in der Versammlung der Wiener k. k. Gesellschaft der Ärzte seinen ersten großen Vortrag. Das Protokoll über die Sitzung lautet: „Herr Dr. Semmelweis, emerit. Assistent an der ersten geburtshilflichen Klinik, entwickelte seine Ansichten über die Genesis des Puerperalfiebers; er weist aus den Protokollen numerisch nach, daß seit dem Jahre 1839,seit welchem einebesondereKlinik zum Unterrichte für Geburtshelfer und eine andere für Hebammen errichtet worden ist, auf der ersten zusammengenommen über viermal mehr von den Wöchnerinnen größtenteils an Puerperalfieber gestorben sind, als auf der zweiten, ungeachtet die Aufnahme der Schwangeren von 24 zu 24 Stunden zwischen beiden gewechselt hat, woraus er den einfachen Schluß zieht, daß das zeitweise stärkere Auftreten des Wochenbettfiebers auf der ersten geburtshilflichen Klinik nicht durch allgemeinere epidemische Einflüsse, sondern einzig und allein durch lokale, somit endemische Verhältnisse bedingt gewesen sein könne. Dr. Semmelweis geht nun die endemischen Ursachen, wie sie von anderen angeführt worden sind, wie die Überfüllung der Krankenzimmer, die langjährige Schwängerung der Lokalitäten mit Puerperalmiasma, das öftere und vermeintlich rohere Untersuchen der angehenden Geburtshelfer, die bereits bestehende Furcht der Schwangeren, so sie auf diese Abteilung zur Entbindung gebracht wurden etc. etc., der Reihe nach durch und weist nach, daß keine derselben die oftmals großen Verheerungen des Puerperalfiebers auf der ersten geburtshilflichen Klinik erklärlich machen, und daß vielmehr manche dieser vermeintlichen Ursachen bei der zweiten geburtshilf-