Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
39 Semmelweis’ Verfahren zu erproben, denn sein erstes Rufen war un- gehört verhallt. Aber auch diesmal war sein begeisterter Appell nicht von Erfolg begleitet. Der Kampf um die Freiheit beschäftigte alle Geister, der Ausbruch der Revolution in Wien drängte alle anderen Interessen zurück. Die ausländischen Ärzte reisten ab, so Kußmaul nach dem Großherzogtum Baden, und alle Wiener, die den gelehrten Berufen angehörten, Studenten wie Professoren, Ärzte und Advokaten, bildeten die ,.akademische Legion”. Hebra, Semmelweis, Lautner, Fischhof, v. Löhner usw. trugen die Uniform der Legionäre. Semmelweis gehörte zu den begeistertsten, glühendsten Freiheitskämpfern. Als Hebra’s Gattin im Frühjahr 1848 einen zweiten Sohn, Hermann, gebar, kam er sofort nach der Geburt zu dieser in seiner schmucken Uniform, in der Hand den breiten Legionshut mit der wallenden Feder! Er war auch mit einer von jener Schar Wiener, welche Kossuth zu Hilfe ziehen wollte, vor dem österreichischen Militär aber wieder nach Wien zurückweichen mußte. Die früher so viel besuchte geburtshilfliche Ärzteklinik wies nun wenige Schüler und wenige Gebärende auf, weil der Zuzug aus der Provinz fehlte. Um so leichter und ungestörter konnte Semmelweis sein Desinfektionsverfahren zur Durchführung bringen. Daß er trotz aller Begeisterung für Freiheit und Verfassung seine Pflichten als Assistent nicht versäumte, beweist der andauernd günstige Gesundheitszustand seiner Schutzbefohlenen. Die Sterblichkeit bewegte sich in den untersten Grenzen, zwischen 0'65 und 2,90%, und zweimal, im März und August 1848, hatte er sogar die Freude, keine seiner Wöchnerinnen an Kindbettfieber auch nur erkranken zu sehen. Die akademische Jugend forderte stürmisch die Entlassung aller unfähigen Universitätsprofessoren. Freiherr v. Feuchtersieben, Professor der Psychiatrie und Vizedirektor der medizinisch-chirurgischen Studien, veranlaßte im April 1848 den Lehrkörper der medizinischen Fakultät in Wien, eine Kommission zu ernennen, welche dem neugeschaffenen Unterrichtsministerium einen Reformplan der medizinischen Studien vorlegen sollte. Dies geschah. Einige Professoren, so der Chirurg Wattmann, der Krankenhausdirektor Schiffner, wurden pensioniert und die Leitung der Studien den Professorenkollegien übertragen. Nachdem der frühere Direktor der medizinischen Studien die Mitteilung über Semmelweis’ Entdeckung gänzlich unbeachtet gelassen hatte, hielt es Skoda für die „Pflicht des Wiener medizinischen Professorenkollegiums, eine in Wien gemachte Entdeckung von so großer wissenschaftlicher und praktischer Wichtigkeit einer entscheidenden Prüfung zu unterziehen und derselben, falls sie sich bewähren würde, Anerkennung zu verschaffen”.*) Er stellte im Januar 1849 den Antrag, das Kollegium solle eine Kommission ernennen, welche sich folgender Aufgabe*) zu unterziehen habe: *) Skoda, Vortrag, gehalten in der Akademie der Wissenschaften, 1849. (Zeitschr. d. Ges. d. A. 1850. 1. p. 107.)