Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
33 Auf dem Kontinente sind wir von so glücklichen Resultaten leider noch weit entfernt. Mit Ausnahme einiger kleinerer, bisher verschonter Anstalten wütet die Krankheit, wie es scheint, mit dem Alter der Anstalten immer häufiger und verderblicher. Sie bedroht schon die Existenz der für das Gedeihen der Wissenschaft und den praktischen Unterricht so notwendigen Gebärhäuser. Leider ist dieser Fall bei der unter meiner Leitung stehenden Anstalt eingetreten, und es scheint, den Umständen nach, in Kopenhagen das Gleiche der Fall zu sein. An beiden Orten wird man zu einem Neubau seine Zuflucht nehmen müssen; und wenn die Regierung auch zu einem solchen diesesmal noch die nötigen Mittel bewilligt, so wird ein abermaliges Mißlingen fast notwendig die Aufhebung des Gebärhauses nach sich ziehen. Diese drohende Gefahr aber schwebt nicht allein über uns, sie wird seinerzeit alle ähnlichen Anstalten erreichen, in denen die Herstellung eines besseren Gesundheitszustandes nicht gelingt. Mit fortschreitender Bildung und Humanität wird auch an Orten, wo bisher die öffentliche Stimme sich gleichgiltig gegen die furchtbare Aufopferung von Menschenleben verhielt, sich dieselbe einst mächtig erheben und ist dann ihres Sieges völlig gewiß: man wird die Anstalten aufheben oder gesund machen müssen. Zum Heile und Ehre der Wissenschaft aber ist es zu wünschen, daß man es zu diesem Zwange nicht kommen lasse; daß man früher Hand ans Werk lege, ehe die Volkswut alles zerstörend über den Haufen wirft. Daß von einer therapeutischen Behandlung der einzelnen Krankheitsfälle die Tilgung dieser Pest nicht zu erwarten ist, brauche ich dem in der Sache Erfahrenen nicht zu beweisen. Vielmehr ist dieses nur durch durchgreifende, streng befolgte Maßregeln der Reinigung und Ventilation usw. zu erlangen, scheint aber nach den Erfahrungen der Engländer auf diesem Wege auch sicher erreichbar zu sein. Wir müssen uns unseren Kollegen in England für dieses Beispiel fruchtgekrönter Bemühungen, für diese uns gewährte Hoffnung einer besseren Zukunft zum Danke verpflichtet fühlen; wir können nichts Besseres tun, als uns durch den Augenschein über ihre trefflichen Einrichtungen zu belehren. Mit der größten Zuvorkommenheit wurden uns die Anstalten gezeigt, und mit einem solchen Führer, wie Professor Levy’s Schrift, wird man es möglich finden, selbst in sehr kurzer Zeit durch den Augenschein zur vollständigen Kenntnis der englischen Einrichtung zu gelangen. Im vorigen Jahre hat man in Wien die glückliche Entdeckung gemacht, daß durch eine Reinigung der Hände mit Chlor vor dem Untersuchen die Krankheit in der Abteilung des Gebärhauses, wo sie bisher fürchterlich wütete, in auffallender Weise beschränkt wurde. In der Zeit der Anwendung dieses Mittels sank die Zahl der Toten auf fast ein Zehntel der sonst gewöhnlichen herab; ein äußerst glänzendes Resultat. Ohne Zweifel wird Dr. Semmelweis, dem wir diese Entdeckung verdanken, das Nähere hierüber nächstens veröffentlichen; und täuscht nicht alles, so eröffnet sich durch Anwendung dieses Mittels neben den allgemeinen Desinfektionsmitteln eine glücklichere Zeit für unsere Gebärhäuser. Ich verdanke die Kenntnis der Wiener Erfahrungen der gütigen Mitteilung des Herrn Dr. Hermann Schwarz aus Holstein, dem ich hierfür meinen Dank öffentlich abzustatten nicht unterlassen kann.” v. Waldheim, Ignaz Philipp Semmelweis. 3