Inventare Teil 5. Band 7. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)

Belgien, von Oskar Schmid

II. Niederländische Urkunden. 89 bestände des StA. dar. Gerade die besondere Lage des niederländischen Gebietes ermöglichte Berührung und Beziehung zu verschiedenen Kultur­kreisen, so daß in den dortigen Registraturen aus vielerlei Kanzleien, aus den kaiserlichen, französischen und englischen, aus denen aller belgischen Souveräne, der Herzoge von Brabant und Lothringen, der Grafen von Flan­dern, von Hennegau u. a., der kirchlichen und aller möglichen sonstigen weltlichen Behörden hervorgegangene Urkunden zusammentrafen. Die Urkunden sind vornehmlich in lateinischer Sprache verfaßt, zum Teil auch im nordfranzösischen, westflämischen, limburgischen oder nieder­rheinischen Idiom. Es findet sich also in dieser Abteilung sowohl in paläographischer und diplomatischer als auch in sprachlicher Beziehung eine Reihe von Pro­blemen. Die Niederländischen Urkunden werden heute in sechs Urkundenkästen (elf Laden) und in diesen einzeln in Umschlägen — von gleichartigen Stücken finden sich gelegentlich mehrere in einem und demselben Um­schlag — verwahrt. Ihre Erhaltung läßt in vielen Fällen zu wünschen übrig, ein Mangel, dessen Ursache jedoch nicht, wie von H. Laurent1 be­hauptet wird, in der derzeitigen Unterbringung (vgl. Bd. I S. 135 Anm. 4 und Bd. Ill S. 11) zu suchen ist, sondern der vielmehr auf alte Sünden zurück­geht, zum Teil auf mangelhafte Unterbringung schon in Belgien, auf die mit der eiligen Flüchtung aus Belgien zusammenhängenden Widrigkeiten, unzulängliche Verwahrung auf der Flucht in Würzburg und Linz und schließlich auch in Wien im Wasserbauamtsstadel in Nußdorf und im Lau- renzerkloster. Daß auch die mehrmaligen Flüchtungen im Laufe der napo- leonischen Kriege dem gewiß widerstandsfähigen Urkundenmaterial Scha­den zufügen mußten, liegt auf der Hand; daß das leicht zerbrechliche Siegelmaterial stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, darf nicht wunder­nehmen. Der ganze Urkundenbestand war daher schon zur Zeit seiner Übernahme ins StA. nicht in bester Verfassung, und es gibt allein schon der Umstand zu denken, daß anläßlich der 12. großen Archivalienausliefe­rung an Belgien im Jahre 1875 ungefähr 190 Stück lose Siegel, deren Urkunden verfault waren, mit zur Ausfolgung gelangten. Es soll hervor­gehoben werden, daß in den Jahren 1921—1928 im Algemeen Rijksarchief im Haag, wohin die Niederländischen Urkunden leihweise gelangten,1 2 er­folgreiche Restaurierungsversuche unternommen wurden, um die durch Nässe beschädigten, mit Stockflecken versehenen Stücke vor fortschreiten­der Zerstörung zu bewahren. Heute werden die Niederländischen Urkunden mit neuen Umschlägen — unter Beibehaltung der alten Aufschriften und Herkunftsvermerke, soweit solche noch vorhanden sind — versehen, und in dem Maße, als die geringen, dem StA. zur Verfügung stehenden Arbeits­kräfte es ermöglichen, wird weiter an ihrer Konservierung gearbeitet. 1 a. a. 0. S. VIII, IX. 2 Vgl. Keg. des StA. Z. 296/1921. Es wurden damals 585 Stück, also annähernd der ganze Bestand Niederländischer Urkunden in 34 Paketen entlehnt, die dann 1926—1928 in einzelnen Partien wieder in Wien eintrafen.

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